Der Warten hat ein Ende
Ich sage es so, wie ich es empfinde: Die letzten Wochen waren zermürbend. Kein Trainer, kein Plan, dafür jeden Tag neue Gerüchte – und das kurz vor dem Trainingsauftakt, während Marcus Mann in den Pressemeldungen die ruhige Hand spielte, als wäre das alles völlig normal so. Ist es nicht.
Aber jetzt ist es fix. Danny Röhl übernimmt als Headcoach beim FC Red Bull Salzburg. Jürgen Klopp hat seinen Wunschkandidaten durchgesetzt, eine Millionenablöse locker gemacht, und nun steht der 37-Jährige zum ersten Mal auf dem Trainingsplatz in Taxham. Dieser Verein hat wieder einen Trainer. Einen, der nicht irgendwer ist.
Und damit beginnt die eigentlich spannende Frage: Was bringt Röhl mit – und was bekommt er vorgesetzt?
Vom Kreuzbandriss zur Trainerkarriere
Wer Danny Röhl verstehen will, muss ganz am Anfang beginnen. Als Spieler war er nie mehr als Amateur. Nach seiner Juniorenzeit beim FSV Zwickau und kurzen Stationen in den unteren deutschen Ligen musste er seine Spielerlaufbahn nach einem Kreuzbandriss mit 20 Jahren beenden. Für viele Menschen in dieser Branche wäre das das Ende der Geschichte. Für Röhl war es der Beginn einer anderen.
Er studierte Sportwissenschaften in Leipzig, schloss 2013 mit dem Bachelor ab, begann parallel dazu einen Master im Bereich Spielanalyse an der Deutschen Sporthochschule Köln und beendete auch diesen erfolgreich. Master in Spielanalyse. Das ist kein Trainer, der auf Bauchgefühl setzt. Das ist jemand, der Fußball denkt, strukturiert, dekonstruiert.
Im November 2010 – er war 21 Jahre alt – wurde er Leiter Spielanalyse Nachwuchs beim damals frisch gegründeten Regionalligisten RB Leipzig. Das Datum ist entscheidend: Röhl war von Beginn an dabei, als das gesamte Red-Bull-System noch in den Kinderschuhen steckte. Er hat die Spielphilosophie, das Pressing-Konzept, die gesamte Kultur dieses Fußballunternehmens nicht von außen kennengelernt – er hat sie mitentwickelt. Rangnick, Zorniger, Hasenhüttl: Er war dabei, er hat zugeschaut, mitgemacht, gelernt, hinterfragt.
Die Schule des Pressing-Fußballs
Röhl selbst hat seinen Stil einmal präzise auf den Punkt gebracht: geprägt vom Red-Bull-Fußball mit viel Pressing in der Kombination mit Ballbesitzphasen, in denen Lösungen gefunden werden – so wie es beim FC Bayern unter Flick praktiziert wurde. Das ist die Essenz seiner Spielidee in einem Satz. Kein blindes Gegenpressing um des Gegenpressings willen, sondern Intelligenz. Pressing als Mittel, nicht als Selbstzweck. Und wenn der Ball einmal sitzt, dann nicht einfach nach vorne hauen, sondern Struktur, Geduld, Lösungen.
Zur Saison 2017/18 wurde er unter Hasenhüttl zum Co-Trainer bei RB Leipzig befördert. Als Hasenhüttl Leipzig verließ, ging Röhl mit – in die Premier League zum FC Southampton. Mit 29 Jahren. Als Co-Trainer eines englischen Erstligisten. Das ist kein Zufall, das ist Vertrauen, das man sich über Jahre erarbeitet hat.
Bayern, Flick und das Sextuple
Dann kam der Schritt, von dem die meisten Trainer in ihrer gesamten Karriere nur träumen: Zur Saison 2019/20 wechselte Röhl zum FC Bayern München als Analyse-Co-Trainer unter Niko Kovač. Als Kovač im November 2019 gehen musste und Hansi Flick das Kommando übernahm, blieb Röhl. Und erlebte eine Saison, die in die Fußballgeschichte eingegangen ist.
Triple aus Bundesliga, DFB-Pokal und Champions League. Dazu DFL-Supercup, UEFA Super Cup und die Klub-Weltmeisterschaft. Das Sextuple – sechs Titel in einer einzigen Saison. Danny Röhl war mittendrin. Nicht auf der Tribüne, nicht im Fernsehen – er war Teil des Trainerteams, das diesen FC Bayern zum erfolgreichsten Vereinsjahr seiner Geschichte geführt hat.
Das hängt in keinem Lebenslauf als Randnotiz. Das ist der Kern dessen, was Röhl als Trainer geprägt hat. Er weiß, wie Spitzenklub-Fußball auf höchstem Niveau funktioniert. Champions-League-Nächte, Drucksituationen, Titelrennen – er kennt das alles. Von innen.
Nach der Saison wechselte er mit Flick zur deutschen Nationalmannschaft als Co-Trainer. Auch dort war Klopp das Stichwort: Flick holte Röhl, weil er ihm vertraute. Zusammen erlebten sie das WM-Desaster in Katar – und wurden im September 2023 freigestellt. Das Kapitel DFB war beendet. Röhls eigentliche Geschichte als Cheftrainer begann erst danach.
Sheffield Wednesday: Der Sprung ins eiskalte Wasser
Im Oktober 2023 übernahm Danny Röhl als Cheftrainer beim englischen Zweitligisten Sheffield Wednesday – mit 34 Jahren der jüngste Manager in der EFL, ohne einen einzigen Tag Cheftrainer-Erfahrung. Der Klub, den er übernahm, stand mit drei Punkten am Tabellenende der Championship, sieben Punkte von der Sicherheit entfernt, null Siege aus zehn Spielen. Viele fragten sich, warum jemand mit Röhls Hintergrund diesen Job annimmt.
Was folgte, war eine der bemerkenswertesten Rettungsaktionen im englischen Unterhausfußball der jüngeren Geschichte. Röhl wandelte einen Schnitt von 0,27 Punkten pro Spiel in 1,42 Punkte um. In kurzer Zeit schuf er eine Mannschaft, die presste, kämpfte, zusammenhielt – und am letzten Spieltag der Saison knapp den Klassenerhalt sicherte.
In der darauffolgenden Saison führte er die Owls zu einem soliden zwölften Platz. Er hatte aus einem Scherbenhaufen ein funktionierendes Team gebaut. Als Sheffield Wednesday in ernsthafte finanzielle Schwierigkeiten geriet – Gehälter wurden nicht bezahlt, der Verein rutschte in Richtung Insolvenz – trennte er sich im Sommer 2025 einvernehmlich vom Klub. Kein Eklat, kein Drama. Ein sauberer Abgang unter unwürdigen Umständen.
Glasgow: Krisenklub Nummer zwei, Erfolg Nummer zwei
Das Muster wiederholt sich: Im Oktober 2025 übernahm Röhl die Glasgow Rangers, die ebenfalls in einer tiefen Krise steckten. Wieder ein Traditionsverein, wieder Druck von allen Seiten, wieder kein komfortabler Einstieg. Was passierte? Röhl gewann mit den Rangers elf der ersten vierzehn Ligaspiele, wurde im Januar 2026 erstmals als Trainer des Monats in der Scottish Premiership ausgezeichnet, und die Fans feierten ihn mit einem umgedichteten Boney-M.-Klassiker: „Danny, Danny Röhl“ hallte durch das Ibrox Stadium:
Keine Selbstdarstellung, kein großes Auftreten – und trotzdem Wirkung. Röhl ist kein Trainer, der durch Medienpräsenz überzeugt. Er überzeugt durch Ergebnisse.
Für Salzburg zahlt der Verein jetzt eine Ablöse von kolportierten zwei Millionen Euro an die Rangers. Das ist Geld. Aber für einen Trainer mit diesem Profil, mit dieser DNA, mit diesem Netzwerk direkt zu Klopp und Rangnick, ist es gut angelegtes Geld. Zumindest theoretisch.
Warum dieser Trainer zu Salzburg passt – und warum er es trotzdem schwer haben wird
Röhl kennt das Red-Bull-System wie seine Westentasche. Er kennt die Philosophie, die Anforderungen, den Anspruch. Er ist kein Trainer, der hier von null anfangen muss, weil er nie mit diesem Fußball in Berührung gekommen ist. Das ist ein echter Vorteil gegenüber vielen anderen Kandidaten, die zuletzt gehandelt wurden.
Sein Pressing-Ansatz, kombiniert mit strukturiertem Ballbesitzspiel, passt zum Profil des Vereins. Er ist methodisch, analytisch, hat die Pro-Lizenz absolviert und weiß, wie man ein Team formt, das zunächst nichts zu gewinnen scheint. Das hat er zweimal unter Beweis gestellt.
Aber – und hier komme ich nicht drumherum – dieser Trainer braucht das richtige Material. Und genau da wird es eng.
Die Monsteraufgabe für Marcus Mann
Wir haben zwei neue Verteidiger. Nikolas Veratschnig kommt von Mainz 05, ist 23 Jahre alt, bringt Tempo und Dynamik auf der rechten Seite mit. Dominik Schmid, 28, kommt vom FC Basel, 187 Einsätze in der Schweizer Super Liga, erfahren, offensiv denkender Linksverteidiger. Zwei solide Transfers, keine Frage.
Aber wer dirigiert das Spiel? Und wer macht die Tore?
Joane Gadou ist zu Borussia Dortmund gewechselt, Jannik Schuster zu Brentford, Kerim Alajbegovic nach Leverkusen. Dazu steht Kapitän Mads Bidstrup offenbar vor einem Wechsel zu Olympique Lyon. Wenn das stimmt, dann verlieren wir auch noch den letzten verbindenden Faden zur abgelaufenen Saison.
Was bleibt, sind Leih-Rückkehrer und zwei blutjunge Offensivtalente – Filip Matijasevic aus Serbien und der venezolanische Stürmer Yerwin Sulbaran, beide 18 Jahre alt, beide für den FC Liefering gedacht, nicht für die erste Mannschaft. Für die Zukunft gut. Für die nächste Saison keine Antwort.
Röhl braucht, um seine Idee umzusetzen, mindestens einen kreativen Mittelfeldspieler – eine Zehn oder intelligente Acht, die Räume sieht, Entscheidungen trifft, das Spiel versteht. Und er braucht einen Stürmer, der nicht nur läuft und presst, sondern auch abschließt. Das ist keine Wunschliste, das ist die Mindestbedingung.
Die Transferuhr tickt. Der Trainingsauftakt steht vor der Tür. Stephan Reiter, Marcus Mann, Jürgen Klopp – sie alle wissen, dass ein guter Trainer allein noch keinen Titel gewinnt. Röhl kann nur so gut sein wie der Kader, den man ihm hinstellt.
Ich sage das ohne Häme, aber mit Klarheit: Wenn der Verein in dieser Transferphase nicht mindestens zwei, drei Spieler mit echter Qualität für das Mittelfeld und den Angriff verpflichtet, dann wird auch Danny Röhl keine Wunder vollbringen. Und Wunder wären das, was wir von ihm fordern würden.
Was ich von dieser Saison erwarte
Danny Röhl ist eine der spannendsten Trainerpersönlichkeiten, die es derzeit im deutschsprachigen Fußball gibt. Sein Weg – vom Kreuzbandriss im Amateurbereich über zwei Master-Abschlüsse bis hin zum Sextuple mit Bayern und dem Klassenerhaltswunder in Sheffield – ist alles andere als eine normale Karriere. Er ist methodisch, ruhig, überzeugend. Und er ist hungrig.
Für die Mozartstädter ist er der richtige Mann. Das glaube ich aufrichtig.
Aber Glaube allein reicht nicht. Die nächsten Wochen werden zeigen, ob Marcus Mann die Hausaufgaben macht, die notwendig sind, um diesem Trainer eine echte Chance zu geben. Bis dahin beobachte ich, analysiere und schreibe – so wie immer.
Die Nordkurve hat auf diesen Moment gewartet. Auf einen Trainer, hinter dem man stehen kann, der eine Idee hat, der Fußball atmet. Röhl ist dieser Mann. Jetzt liegt es am Verein, ihm das Werkzeug zu geben.
Wir schauen hin.