Die WM, die ich nicht will (und warum Gianni Infantino dafür geradestehen muss)

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Ich schreibe das hier am Eröffnungstag der Fußball-Weltmeisterschaft 2026. Mexiko gegen Südafrika läuft heute Abend, der große Zirkus hat begonnen, und ich sitze da mit einem Gefühl, das ich bei einer WM eigentlich nicht kennen sollte: ziemlicher Gleichgültigkeit. Ich bin Fußballfan durch und durch. Ich bin ein Mensch, der sich für ein Regionalliga-Rückrundenspiel von Salzburg begeistert. Und trotzdem zieht mich diese Weltmeisterschaft nicht einmal annähernd in ihren Bann.

Ich werde mir ein Spiel anschauen. Eines. Österreich gegen Argentinien, am 22. Juni um 19 Uhr MESZ in Dallas – weil es zur vertretbaren Abendzeit stattfindet und weil unser Tormann Alexander Schlager von Red Bull Salzburg im Kasten steht, was als Salzburg-Fan natürlich ein Grund zum Hinschauen ist. Aber das war’s. Der Rest dieser Weltmeisterschaft geht an mir vorbei – und das ist kein Zufall. Das ist das Ergebnis einer jahrelangen Entwicklung, an deren Ende ein Mann steht, der den Weltfußball nach seinen Vorstellungen umgebaut hat: Gianni Infantino.

Ein Friedenspreis, der keiner ist

Beginnen wir mit dem Vorfall, der mir endgültig den Rest gegeben hat. Im Dezember 2025, beim WM-Auslosungsabend im Kennedy Center in Washington D.C., verlieh Infantino zum ersten Mal in der Geschichte einen eigens neu erfundenen „FIFA-Friedenspreis“ – und der Empfänger war Donald Trump.

„You can always count, Mr President, on my support and the entire football community“, sagte Infantino bei der Verleihung. Trump nahm den Preis dankbar entgegen und bezeichnete ihn als „one of the great honours of my life.“ Schön für ihn. Problematisch für alle anderen.

Was hier passiert ist, lässt sich nicht schönreden. Der FIFA-Preis wurde Anfang November überraschend angekündigt – drei Wochen nachdem Trump den Friedensnobelpreis nicht bekommen hatte, den er öffentlich so lautstark begehrt hatte. Der echte Friedensnobelpreis ging an die venezolanische Demokratieaktivistin María Corina Machado. Trump war empört. Und Infantino, sein engster Freund im internationalen Sport, zauberte einen Ersatz-Preis aus dem Hut.

Laut dem Sportmagazin The Athletic wurden Infantinos eigene Ratsmitglieder und Vizepräsidenten bei der Erschaffung dieses Preises weder konsultiert noch eingebunden – wie es bei einer solchen Initiative normalerweise üblich wäre. Ein Preis für die Welt, erfunden von einer Person, für eine andere Person. Das ist keine Ehrung. Das ist Hofberichterstattung mit Medaille.

Infantino war Begleiter bei Trumps Staatsbesuchen in Katar und Saudi-Arabien, er war bei einem Friedensgipfel zum Gazakrieg dabei und saß in Trumps Friedensrat. In der Öffentlichkeit verteidigte er Trump immer wieder gegen Kritik. Beim Finale der Klub-WM schenkte er ihm eine der Medaillen, die sonst nur der siegreichen Mannschaft zustehen. Man kann diese Nähe auf viele Arten interpretieren. Ich interpretiere sie als das, was sie ist: ein FIFA-Präsident, der sich politisch anbiedert, um die WM im Gastgeberland reibungslos abzuwickeln. Der Fußball als Kulisse für politische Inszenierungen. Das hat mit Sport nichts mehr zu tun.

Tickets für Reiche – Fan-Kultur für niemanden

Die nächste „Watsch’n“ folgte beim Blick auf die Ticketpreise. Infantino verteidigte die hohen Ticketpreise für die Weltmeisterschaft, die bei durchschnittlich 500 US-Dollar für reguläre Sitzplätze liegen, mit den Worten: „Wenn wir etwas falsch machen, dann macht jeder in Nordamerika etwas falsch.“ Das ist eine Antwort, die alles über die Mentalität dieser FIFA sagt. Verantwortung für nichts übernehmen, Kritik wegdelegieren, weitermachen wie bisher.

Dabei sind die Zahlen brutal. Bei der letzten Verkaufsphase im April 2026 wurden die teuersten Finaltickets in New Jersey für bis zu 10.990 US-Dollar angeboten – und das sind offizielle FIFA-Preise, keine Schwarzmarktpreise. Zum Vergleich: Bei der Bewerbung 2018 hatte die FIFA im Finale noch Preise zwischen 128 und 1.550 Dollar angekündigt. Das ist eine Preissteigerung von mehr als dem Siebenfachen beim teuersten Ticket.

Die Fanorganisation Football Supporters Europe (FSE) zeigte sich „entsetzt“ angesichts der „horrenden Ticketpreise“ und forderte den Weltverband FIFA auf, den Verkauf über die beteiligten Nationalverbände „unverzüglich einzustellen“. Begründung: Die günstigste Preiskategorie ab 60 Dollar sei den „treuesten Fans über ihre Nationalverbände nicht zugänglich“ – das sei ein „ungeheurer Verrat an der Tradition der Weltmeisterschaft“.

Diesen Verrat nehme ich persönlich. Eine Weltmeisterschaft war immer das Fest des Fußballs, das größte Spektakel der Welt, bei dem auch ein normaler Fan aus Nigeria, aus Bolivien, aus Österreich die Chance hatte, dabei zu sein. Diese Illusion hat Infantino gründlich zerstört. Was übrig bleibt, ist ein Hochglanz-Event für Sponsoren, Konzernkunden und Wealthy Travelers, die sich die FIFA Pavilion Standard-Pakete ab fast 20.000 Dollar leisten können.

Wasserflaschen verboten – bei 35 Grad

Als wäre das nicht genug, folgte kurz vor Turnierbeginn eine Entscheidung, die mich fassungslos zurückgelassen hat. Bei der anstehenden Fußball-WM in den USA, Mexiko und Kanada dürfen Fußball-Fans selbst leere Wasserflaschen nicht mit in die Stadien nehmen – trotz erwarteter Temperaturen von teils über 30 Grad.

Das ist nicht mal mehr zynisch. Das ist fahrlässig. Ein im vergangenen Monat von der Forschungsgruppe „World Weather Attribution“ veröffentlichter Bericht war zu der Einschätzung gekommen, dass 26 der 104 Spiele der Weltmeisterschaft voraussichtlich unter Bedingungen ausgetragen werden, bei denen die sogenannte Wet-Bulb-Global-Temperature 26 Grad übersteigt – ab diesem Grenzwert gilt ein erhöhtes Gesundheitsrisiko für Sportler.

Und die FIFA-Antwort darauf? Die Preise, zu denen Wasserflaschen innerhalb der Stadien verkauft werden, blieben unverändert. Klartext: Mitbringen verboten, kaufen erlaubt. Das ist kein Sicherheitskonzept. Das ist Zwangskommerzialisierung auf Kosten der Gesundheit von Menschen, die für ein Ticket ohnehin schon Hunderte Dollar bezahlt haben.

Ein Geschäftsmodell, das auf Kosten der Fans geht

Das Muster hinter all diesen Entscheidungen ist dasselbe. Die WM 2026 wurde von Anfang an nicht als Fest des Fußballs konzipiert, sondern als Verwertungsmaschine. In New York müssen Fans für den Eintritt in die sogenannten „Fan Zones“ bezahlen – Public Viewing, das früher selbstverständlich gratis war, wird hier zur kostenpflichtigen Veranstaltung. Die WM gehört schon lange nicht mehr den Fans. Aber unter Infantino wurde dieser Prozess zur Doktrin.

Einreisechaos – wenn der Gastgeber zum Problem wird

Vielleicht das beschämendste Kapitel dieser WM-Vorbereitung ist jenes, das am ehesten zeigt, wie wenig die FIFA ihre eigenen Werte ernst nimmt. Schiedsrichter Omar Artan aus Somalia wurde an der Einreise in die USA gehindert – obwohl er ein Visum hatte. Inzwischen ist klar, dass die WM ohne ihn stattfinden wird.

Omar Artan wäre der erste Somalier gewesen, der ein WM-Spiel leitet. Dieser historische Moment wurde von der US-Grenzbehörde verhindert. Ein reguläres Visum war ihm zunächst verweigert worden, weil die Einreise in die USA für somalische Staatsangehörige aufgrund eines Dekrets von Präsident Trump in den allermeisten Fällen vollständig untersagt ist. Somalia hatte ihn daraufhin mit einem Diplomatenpass ausgestattet – doch auch das half nichts.

Ein namentlich nicht genannter Vertreter der US-Regierung teilte dem Sender CNN mit, dass Artans Überprüfung am Flughafen von Miami „Verbindungen zu mutmaßlichen Mitgliedern terroristischer Organisationen“ ergeben habe. Weitere Details wurden nicht genannt. Artan flog zurück. Sein WM-Traum war vorbei.

Und Infantino? Er sagte, der Fall Artan sei „bedauerlich“, riet Fans aber im selben Atemzug, sich manchmal „zu beruhigen und zu entspannen“. Man fasst es nicht.

Der Irak, der Iran – und die Logik der Einreiseverbote

Artan ist kein Einzelfall. Aymen Hussein, Vizekapitän und wichtigster Stürmer des Irak, wurde beim Einreisen am O’Hare-Flughafen in Chicago fast sieben Stunden lang von Offiziellen der US-Grenzschutzbehörde befragt, bevor ihm die Einreise gewährt wurde. Auch sein Mobiltelefon wurde dabei durchsucht.

Die iranische Mannschaft musste ihr Teamquartier kurzfristig nach Mexiko umverlegen, weil die Erteilung von US-Visa für das Team noch ausstand. Inzwischen wurde bekannt, dass sich die iranischen Spieler nur an den Spieltagen für ihre WM-Partien in den USA aufhalten dürfen und das Land am jeweils gleichen Tag wieder verlassen müssen.

Das ist eine Weltmeisterschaft, bei der ein Team nach dem Spiel sofort wieder ausreisen muss. Das ist kein Sport mehr. Das ist politisches Strafregime mit Fußball als Dekoration. Und die FIFA? Infantino betonte, dass die FIFA Regierungen nicht vorschreiben könne, wen sie in ihre Länder lassen. „Wir müssen respektieren, dass wir nicht die Könige der Welt sind. Wir sind eine Sportorganisation.“ Dafür gibt’s den virtuellen Mittelfinger von mir.

Da hat er, rein formal, sogar Recht. Aber er vergisst dabei geflissentlich, dass eine Sportorganisation, die eine Weltmeisterschaft in einem Land ausrichtet, in dem mehrere qualifizierte Teams und ein WM-Schiedsrichter keine Einreisegenehmigung bekommen, eine Mitverantwortung trägt. Wer das Turnier vergibt, übernimmt Verantwortung für die Rahmenbedingungen. Wer sich dann hinter Zuständigkeitsfragen versteckt, ist feige.

Das Haiti-Trikot und die Absurdität einer Regelauslegung

Haiti muss noch vor dem WM-Auftakt gegen Schottland sein Trikotdesign ändern. Der Weltverband FIFA verbot kurzfristig die Darstellung einer Kriegsszene auf dem blauen Shirt.

Was war auf dem Trikot? Die Illustration der Schlacht von Vertières aus dem Jahr 1803, die Haitis Unabhängigkeit sicherte. Das Dress hatte das Team schon in zwei Vorbereitungsspielen in Florida getragen, ehe die FIFA einschritt.

Der kolumbianische Hersteller Saeta teilte mit, dass das ursprüngliche Shirt „nicht als politisches Statement“ gedacht gewesen sei, sondern „als Hommage an die Männer und Frauen, die jeden Tag für Haitis Zukunft kämpfen“.

Eine Hommage an die eigene nationale Befreiungsgeschichte auf einem Sporttrikot ist für die FIFA ein Problem. Ein Friedensnobelpreis-Ersatz für einen umstrittenen US-Präsidenten hingegen nicht. Man braucht keinen langen Kommentar, um das einzuordnen. Es reicht, diese beiden Fakten nebeneinanderzustellen.

Christian Streich sagt, was viele denken

Es ist manchmal ein gutes Zeichen, wenn Menschen außerhalb des eigenen Gedankenkreises dieselben Schlüsse ziehen. Der deutsche Kulttrainer Christian Streich äußerte sich mit scharfen Worten:

„Was ich erstaunlich finde und bei mir echt Bedenken auslöst: Machenschaften, die früher versteckt im Hintergrund stattgefunden haben, werden jetzt vollkommen öffentlich dargestellt. Eine solche Inszenierung von wenigen Menschen an der Macht, die sich dann teilweise noch die Behauptung erlauben, sie würden demokratische Werte schützen, ist natürlich eine Unverfrorenheit, die einen sprachlos macht.“

Das trifft es. Was Infantino in den letzten Jahren aufgebaut hat, ist nicht mehr verklausulierte Machtpolitik im Hintergrund. Es ist öffentliche Inszenierung, die keiner Rechtfertigung mehr bedarf, weil niemand da ist, der ernsthaft zur Rechenschaft ziehen könnte.

Infantino muss weg – aber warum passiert nichts?

Ich sage das ohne Umschweife: Gianni Infantino ist für den Fußball nicht tragbar. Nicht mehr. Vielleicht war er es nie, aber spätestens jetzt, nach dem erfundenen Friedenspreis, nach den Einreiseskandalen, nach den Wasserflaschen-Verboten, nach den Finaltickets für fast 11.000 Dollar, ist die Grenze eindeutig überschritten.

Das Problem ist strukturell. Die FIFA-Mitgliederverbände profitieren von Infantinos Regime. Er hat die WM auf 48 Teams ausgeweitet, was bedeutet, dass mehr Verbände qualifiziert sind und mehr Preisgeld fließt. Wer die Hand beißen würde, die ihn füttert, müsste dafür einen politischen Preis zahlen. Das erklärt, warum der Aufschrei ausbleibt.

Bislang hält sich die Empörung europäischer Fußballverbände dennoch in Grenzen, der Aufschrei bleibt aus. Das ist die eigentliche Schande. Nicht nur Infantino, sondern auch alle, die schweigen.

Österreich gegen Argentinien – mein einziges Zugeständnis an dieses Turnier

Ich werde am 22. Juni einschalten. Nicht für die FIFA. Nicht für Infantino. Sondern weil Österreich nach 28 Jahren endlich wieder bei einer Weltmeisterschaft dabei ist und weil Alexander Schlager, unser Salzburger Tormann, diesen Moment sichtlich genießt: „Ich genieße den Moment, aus der Vergangenheit kann man nur lernen, sie nicht mehr reparieren. Ich freue mich, dass ich da sein, das Land präsentieren und der Mannschaft helfen darf.“

Das ist echter Fußball. Das ist echter Mensch. Schlager hat sich diesen Moment verdient, das ÖFB-Team hat sich diesen Moment verdient. Und wenn Österreich in Dallas gegen Argentinien auf den Platz läuft, werde ich dafür da sein – für die Spieler, für Rangnicks Mannschaft, für die rot-weiß-rote Fahne.

Aber die Umgebung, der Rahmen, das System dahinter? Das gehört einem Mann, der den Fußball als Spielfeld seiner persönlichen Machtambitionen versteht. Diese WM 2026 sollte seine letzte sein. Und ich sage das nicht als leere Forderung, sondern als jemand, der Fußball liebt und genau deshalb nicht bereit ist, die weitere Zerstörung dieser Liebe tatenlos zuzuschauen.

Was bleibt

Fußball ist für mich kein Produkt. Fußball ist Emotion, Gemeinschaft, Geschichte. Es ist das Gefühl in der 90. Minute, wenn alles auf dem Spiel steht. Es ist der Jubel in der Nordkurve, der durch das Stadion hallt. Es ist Alexander Schlager, der für Österreich in einem WM-Achtelfinale steht und innerlich brennt.

Diese WM hat das alles nicht zerstört. Das schafft kein FIFA-Präsident. Aber sie hat es in ein System verpackt, das Fans ausbeutet, politische Nähe zur Währung macht und Menschenrechte als Zuständigkeitsfrage abtut. Das darf man nicht akzeptieren.

Ich schaue am 22. Juni. Und ich freue mich auf Alex Schlager. Den Rest dieser WM „schenke“ ich Infantino und seinem „Best Buddy“ Donald Trump.

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Alex Januschewsky

Ich bin Herausgeber von S12 und schreibe leidenschaftlich gerne über Fußball. Dabei geht es mir nicht um Schönfärberei, sondern um konstruktive und auch kritische Analysen. Die Mannschaft der Salzburger steht für mich im Mittelpunkt, weil mir ihr Weg und ihre Entwicklung am Herzen liegen.

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