Noch 12 Tage bis zum Cup-Auftakt in Oberwart, noch 19 Tage bis zum ersten Bundesliga-Pfiff gegen Hartberg – und der Sommer 2026 hat der Mozartstadt einen Umbruch beschert, wie ich ihn in dieser Deutlichkeit selten erlebt habe. Der Kapitän ist weg. Der Stammtorhüter ist weg. Das größte Offensivtalent des Kaders ist weg, kaum dass es richtig angekommen war. Gleichzeitig hat Marcus Mann fleißig nachbesetzt, ein neuer Trainer probiert gerade in Testspielen aus, was seine Prinzipien auf dem Platz bedeuten, und in dieser Woche warten laut der offiziellen Wochenvorschau des Vereins gleich „drei letzte Gradmesser“, bevor es ernst wird. Zeit für eine nüchterne Bestandsaufnahme: Ist dieser Kader tatsächlich bereit für eine Saison, in der nach drei titellosen Jahren endlich wieder etwas zählen soll?
Der Aderlass: Diese Abgänge tun richtig weh
Fangen wir mit dem an, was schmerzt. Mads Bidstrup, seit Februar 2025 Kapitän, hat den Verein nach 116 Pflichtspielen in Richtung Olympique Lyon verlassen und dort bis 2031 unterschrieben. Dass er seinen Vertrag in Salzburg erst im Oktober vorzeitig bis 2029 verlängert hatte, macht den Abgang nicht sympathischer. Für einen Spieler, der als „Mittelfeld-Staubsauger“ das Zentrum zusammenhielt und die Mannschaft nach vorne aufs Feld führte, gibt es keinen Ersatz von der Stange, und Marcus Mann weiß das auch. Sportlich verständlich, weil eine zweistellige Millionenablöse floss – menschlich bleibt es ein Verlust an Führung, die dieser Kader in den vergangenen Jahren ohnehin selten genug gezeigt hat.
Wer im Trainingslager in Flachau genau hinschaute, hat außerdem gemerkt, dass gleich sieben Namen aus dem bisherigen Kader fehlten: Hendry Blank, Aleksa Terzic, Lucas Gourna-Douath, Mamady Diambou, Maurits Kjaergaard, Valentin Sulzbacher und Zeteny Jano waren nicht mit dabei. Offiziell bestätigt ist bei keinem von ihnen ein Abgang, doch dass sieben Spieler auf einmal aus dem 31-Mann-Aufgebot herausfallen, ist kein Zufall, sondern ein deutliches Signal aus dem Trainerstab. Es dürfte also, noch bevor das Transferfenster schließt, weitere Bewegung geben – und das bei einem Kader, der ohnehin schon kräftig durchgeschüttelt wurde.
Fast noch bitterer: Alexander Schlager, 241 Bundesliga-Einsätze, Torhüter der Saison 2023/24, Identifikationsfigur mit Salzburg-Vergangenheit bis in die eigene Jugend, wechselte ablösefrei zu Werder Bremen. Ablösefrei, wohlgemerkt, obwohl sein Vertrag noch bis 2027 gelaufen wäre. Dass ein Spieler mit dieser Ausstrahlung und dieser WM-Bühne kampflos zieht, ohne dass der Verein überhaupt eine müde Ablöse einstreicht, ist genau jene Art von Managementfrage, die man sich in der Mozartstadt stellen sollte. Nachfolger soll der 19-jährige Christian Zawieschitzky werden – ein Torwart, der bei der Klub-WM vor einem Jahr zwar Talentproben abgegeben hat, aber eben noch keine 30 Bundesliga-Partien im Rücken hat, geschweige denn die Abgeklärtheit, die Schlager sich über Jahre erarbeitet hatte.
Dazu kommt der Fall Kerim Alajbegovic: Der 18-jährige Bosnier, gerade erst zum WM-Fahrer gereift und mit 17 Scorerpunkten in 44 Pflichtspielen die vielleicht positivste Überraschung der Vorsaison, wurde von Bayer Leverkusen zurückgekauft. Eine Rückkaufklausel, die schneller griff, als es dem Klub lieb sein kann. Wer sich fragt, warum Salzburg trotz sportlicher Talfahrt europaweit als Ausbildungsverein respektiert wird, aber selten die eigenen Rohdiamanten langfristig hält, bekommt hier die Antwort in Reinform. Ergänzt wird die Abgangsliste durch Joane Gadou, der zum BVB wechselt, durch Moussa Yeo, der nach vier Jahren zu Swansea City in die Championship geht, sowie durch die Verteidiger Jannik Schuster und den bereits im Winter verabschiedeten Jacob Rasmussen. Auch Tim Trummer verhandelt Medienberichten zufolge seinen Abschied. Ein Sommer der Abschiede also – und einer, der die Kaderplaner vor eine echte Aufgabe stellt.
Die Antworten darauf: Wer jetzt neu in der Mozartstadt aufläuft
Die gute Nachricht: Marcus Mann hat nicht stillgehalten. Sieben Neuzugänge zählte man bereits vor der Verpflichtung von Haris Tabakovic, und die Handschrift ist erkennbar. In der Abwehr kommt mit Kevin Boma ein 1,93 Meter großer togolesischer Nationalspieler von Estoril Praia, der die Lücke schließen soll, die Gadou und Schuster gemeinsam hinterlassen haben – eine Aufgabe, die für einen einzelnen Neuzugang ambitioniert ist, so stark seine Profildaten aus Portugal auch klingen. Auf den Außenbahnen wurden mit Dominik Schmid vom FC Basel und Nikolas Veratschnig von Mainz 05 gleich zwei neue Kandidaten geholt, die Stefan Lainer und den zum Innenverteidiger umfunktionierbaren Tim Drexler unter Konkurrenzdruck setzen. Das ist genau jene Art von Wettbewerbsdenken, die man sich auf jeder Position wünschen würde.
Im Zentrum hat sich mit Abubakr Barry ein Spieler angeschlossen, der bei Austria Wien mit sechs Toren und acht Assists in 70 Einsätzen zu den auffälligsten Legionären der Liga zählte und für rund drei Millionen Euro Ablöse kam. Der Gambier soll laut Vereinsangaben einer der neuen Achsenspieler werden – ein durchaus mutiger Griff mitten in der eigenen Liga, der zeigt, dass man in Salzburg bereit war, für sofortige Qualität auch überdurchschnittlich zu bezahlen. Ergänzt wird das Mittelfeld um Filip Matijasevic von Cukaricki, der behutsam aufgebaut werden soll, sowie um den vielleicht spannendsten Transfer des Sommers: Bartosz Mazurek, 19-jähriger polnischer U19-Nationalspieler von Jagiellonia Białystok, der für kolportierte 7,5 Millionen Euro kam und im Februar mit einem Hattrick gegen die AC Florenz für Aufsehen sorgte. Seit dem Abgang von Oscar Gloukh im vergangenen Sommer fehlte in diesem Kader ein Name, der ein Spiel im letzten Drittel allein entscheiden kann. Mazurek ist der erste ernsthafte Versuch, diese Lücke zu schließen.
Und dann, mit gehörigem Nachdruck erst am 11. Juli verkündet: Haris Tabakovic. Der 32-jährige bosnische Nationalstürmer kommt für rund fünf Millionen Euro von der TSG Hoffenheim, nachdem er auf Leihbasis bei Borussia Mönchengladbach mit 15 Toren in 35 Spielen zur Lebensversicherung geworden war. Genau jener „Knipser“, dessen Fehlen ich in der Rückschau auf die vergangene Saison schon kritisiert hatte, ist damit endlich da – mit Körpergröße, Führungsqualität und der Erfahrung aus mehreren Stationen in der heimischen Liga. Wichtig für die Erwartungshaltung: Tabakovic steigt wegen seines WM-Einsatzes erst in rund zwei Wochen ins Mannschaftstraining ein, wird also weder gegen Gamba Osaka noch gegen Basaksehir auflaufen. Ergänzt wird der Angriff durch Gaoussou Diakité, der zuletzt bei Lausanne-Sport ausgeliehen war.
Neuer Trainer, neue Prinzipien: Was Danny Röhl mitbringt
Wer über den Kader spricht, muss über den Mann sprechen, der ihn formen soll. Danny Röhl, 37, folgte auf den im Mai entlassenen Daniel Beichler und wechselt für eine Ablöse von rund zwei Millionen Euro von den Glasgow Rangers an die Salzach, wo er einen Vertrag bis 2029 unterschrieben hat. Röhl ist kein Unbekannter im Red-Bull-Kosmos: Er hat seine Trainerlaufbahn bei RB Leipzig begonnen, war dort und später bei Southampton Co-Trainer unter Ralph Hasenhüttl, arbeitete unter Hansi Flick beim FC Bayern und in der deutschen Nationalmannschaft, ehe er sich bei Sheffield Wednesday und zuletzt in Glasgow als Cheftrainer bewährte. Fußballerisch steht er für hohes Pressing, schnelles Umschaltspiel und ein kompaktes Zentrum im Ballbesitz, wobei er auf eine Viererkette setzt und offensiv gerne Außenverteidiger einbindet, die ins Mittelfeld aufrücken. Klingt nach genau jenem intensiven, mutigen Fußball, mit dem dieser Klub einst groß geworden ist und den man sich nach drei mageren Jahren zurückwünscht. Auf die Frage nach seiner bevorzugten Formation hat sich Röhl bei seiner Antrittspressekonferenz bewusst nicht festgelegt: Ein 4-2-3-1 oder ein 4-3-3 seien beide denkbar, entscheidend sei die Grundordnung mit Viererkette, alles andere richte sich nach Gegner und Spielsituation. Das erklärt auch, warum Barry, Mazurek und Matijasevic im zentralen Mittelfeld nicht zwangsläufig Konkurrenten sind, sondern je nach System unterschiedliche Rollen ausfüllen könnten.
Die Vorbereitung im Rückspiegel: Drei Siege, aber noch offene Fragen
Sportlich hat der Neustart bislang funktioniert, zumindest auf dem Papier. Zum Auftakt gab es ein 5:0 gegen Regionalligist SV Seekirchen, anschließend ein 2:1 gegen den polnischen Pokalsieger Górnik Zabrze mit Toren von Karim Konaté und Nikolas Veratschnig, und zum Abschluss des Trainingslagers in Flachau ein deutliches 4:0 gegen den ukrainischen Erstligisten FK Kharkiv, bei dem unter anderem der 20-jährige Edmund Baidoo traf. Drei Siege, null Gegentore in den letzten beiden Partien – auf den ersten Blick beruhigend. Auf den zweiten Blick muss man ehrlich bleiben: Ein Regionalligist, ein polnischer Vizemeister und ein ukrainischer Erstligist sind keine Gradmesser, an denen sich eine Mannschaft mit Meisterschaftsanspruch wirklich messen lassen muss. Röhl selbst sprach nach dem Kharkiv-Spiel davon, dass man jetzt „Kontinuität in die Abläufe“ bringen müsse – ein Satz, der zeigt, dass auch er weiß, wie viel Arbeit noch vor der Mannschaft liegt.
Die Woche der Wahrheit: Das steht jetzt an
Die offizielle Wochenvorschau des Vereins bringt es auf den Punkt: Es folgen „drei letzte Gradmesser“, bevor der Ernst beginnt. Am kommenden Mittwoch, dem 15. Juli, wartet gleich ein Doppelpack: Um 15 Uhr empfängt man in Anif den japanischen Erstligisten Gamba Osaka, um 18:30 Uhr geht es im Sportzentrum Salzburg Mitte gegen den türkischen Spitzenklub Basaksehir FK. Zwei Gegner mit spürbar höherer läuferischer und spielerischer Qualität als die bisherigen Testspielpartner, gegen die sich zeigen dürfte, wo dieser Umbruch-Kader wirklich steht.
Am Samstag, dem 18. Juli, folgt in Mondsee die Partie gegen die Mamelodi Sundowns aus Südafrika, ehe am 25. Juli der Ernstfall beginnt: Auswärts bei Regionalligist SV Oberwart steigt man in der ersten Runde des UNIQA ÖFB-Cups ein, ein Pflichtspiel, in dem es weniger um Fußball als um die Vermeidung einer Blamage gehen wird, wie sie kleinere Bundesligisten in solchen Runden schon oft erlebt haben. Genau eine Woche später, am 1. August, folgt dann die Bundesliga-Generalprobe für den Rest der Liga: Zum Saisonauftakt kommt TSV Hartberg in die Red Bull Arena – ausgerechnet jener Verein, gegen den man die vergangene Saison mit einem bitteren 1:3 beendet hatte.
Ist der Kader wirklich komplett? Eine ehrliche Bestandsaufnahme
Und damit zur entscheidenden Frage. Im Tor hat man mit Zawieschitzky einen Sprung ins kalte Wasser gewagt, der talentiert, aber unerfahren ist – eine Wette, kein gesichertes Fundament, gerade weil Schlager kampflos und ohne Ablöse ziehen durfte. In der Innenverteidigung bleibt trotz Boma ein Fragezeichen, weil man mit Gadou und Schuster zwei ausgebildete Kräfte verloren hat und nur eine wirklich neue ersetzt wurde; John Mellberg und Anrie Chase, die in der Vorsaison beide keine überzeugenden Antworten liefern konnten, müssen also wieder liefern, notfalls mit Drexler als Backup im Zentrum. Auf den Außenbahnen dagegen sieht es mit Schmid, Veratschnig, Lainer und Drexler so gut besetzt aus wie lange nicht.
Im zentralen Mittelfeld bleibt die eigentliche Gretchenfrage: Wer übernimmt die Rolle, die Bidstrup als Führungsspieler und Ballgewinner ausgefüllt hat? Barry bringt Zweikampfstärke und Torgefahr mit, ist aber kein klassischer Sechser, sondern eher ein box-to-box-Spieler mit offensivem Einschlag. Mit Mazurek ist die kreative Lücke seit Gloukhs Abgang endlich adressiert, doch ein 19-Jähriger direkt aus Polens Ekstraklasa braucht erfahrungsgemäß Eingewöhnungszeit, ehe er eine Bundesliga im Alleingang prägt. Im Sturm schließlich ist die Ausgangslage zwiespältig: Auf dem Papier ist die größte Baustelle der vergangenen Saison mit Tabakovic geschlossen, ein Stürmer mit Körpergröße, Zielstrebigkeit und nachgewiesener Trefferquote. Nur steht er noch nicht auf dem Platz. Wer also am 25. Juli in Oberwart und erst recht am 1. August gegen Hartberg tatsächlich in der Spitze steht, ist offener, als es die Verpflichtung Tabakovics auf den ersten Blick suggeriert.
Meine ehrliche Meinung nach diesem Rundumblick: Der Kader ist deutlich besser aufgestellt als noch vor sechs Wochen, und Marcus Mann hat mit Barry, Mazurek und Tabakovic drei Transfers getätigt, die exakt die Schwächen adressieren, die diese Mannschaft zuletzt zur Nummer drei degradiert haben. Komplett ist dieser Umbruch aber noch nicht – weder in der Innenverteidigung noch im Tor, und die entscheidenden Antworten auf die Bidstrup-Frage muss die Mannschaft erst noch selbst auf dem Platz geben. Hoffnung ist erlaubt, blinder Optimismus wäre nach drei titellosen Jahren aber fahrlässig.
Ein Wort an die Nordkurve
Was mich trotz aller offenen Fragen zuversichtlich stimmt, ist etwas, das sich nicht in Ablösesummen messen lässt: die Nordkurve war auch in den mageren Jahren nie leiser. Wer die Vorschreier in den vergangenen Saisons erlebt hat, weiß, dass diese Fankultur nicht an Titeln hängt, sondern an der Mannschaft, die für dieses Trikot läuft. Genau diese Unterstützung wird es brauchen, wenn Zawieschitzky seine ersten schwierigen Bundesliga-Minuten übersteht oder wenn Mazurek nach einem verlorenen Ball den Kopf hängen lässt. Ich freue mich auf die Saison, auf die neuen Gesichter und darauf, gemeinsam mit euch zu sehen, ob dieser Umbruch am Ende der richtige war.