Sonntag 4:1 gegen die Austria, Mittwoch 5:1 gegen Rapid. Neun Tore in vier Tagen gegen die beiden Wiener Großklubs, und ich hab beide Partien von meinem Sitzplatz aus gesehen. Beim 3:0 nach 21 Minuten gegen Rapid hab ich kurz überlegt, ob ich träume. Nach der Vorsaison, in der wir dreimal hintereinander 0:1 gegen die Hütteldorfer verloren haben, war das ein Gefühl, das ich fast vergessen hatte.
Meine These: Salzburg ist unter Danny Röhl zum ersten Mal seit langem wieder eine Mannschaft, die ein Heimspiel ab der ersten Minute bestimmt. Was das für die Tabelle, für den Cup in St. Pölten, für Lewski Sofia und für den 20. September gegen Sturm heißt, schau ich mir jetzt der Reihe nach an. Und ich sag dir auch, wo mich die Zahlen noch nicht überzeugen.
Salzburg hat in zwei Heimspielen gegen Austria Wien und Rapid neun Tore geschossen und ist nach zehn Pflichtspielen unter Danny Röhl ungeschlagen. Ich halte das für ein System, das greift, und nicht mehr für einen Lauf. Das Risiko sehe ich in der zweiten Halbzeit und im Chancenwucher, die Spielidee selbst stimmt.
Austria 4:1: Das Muster zählt mehr als das Ergebnis
Das 4:1 gegen die Austria am Sonntag vor 10.831 Zuschauern war das Ergebnis, das Muster dahinter interessiert mich mehr. Röhl hat Yorbe Vertessen ungewohnt auf den linken Flügel gestellt, und genau von dort kam die Flanke, die Lee Kang-hee in der 13. Minute ins eigene Tor verlängert hat. Sechs Minuten später der Kopfball von Haris Tabakovic nach Maßflanke von Kapitän Nikolas Veratschnig, sein erstes Bundesligator für Salzburg. Der Jubel fiel wegen seiner Austria-Vergangenheit verhalten aus, ich fand das gscheit. Dann Bartosz Mazurek in der 31. Minute nach Querpass von Abubakr Barry, in den rechten oberen Winkel.
Was das konkret heißt: Drei Tore, drei verschiedene Wege zum Tor. Flanke von links, Flanke von rechts, Kombination durchs Zentrum. Das neue Duo Barry und Mazurek im Mittelfeld hat den Ball gehalten und dann verteilt. Genau das hat mir in der Vorsaison gefehlt, als jede Aktion über die Außen lief und im Zentrum niemand Verantwortung übernommen hat. Im Kader-Check vor dem Saisonstart war das Zentrum mein größtes Fragezeichen. Nach zwei Spielen ist es mein geringstes.
Jetzt die Gegenrede, weil sie nötig ist. Die Austria stand drei Tage nach dem Conference-League-Aus gegen Braga mit einer jungen Mannschaft in Wals-Siezenheim und ist nach dieser Niederlage Tabellenletzter mit drei Punkten. Das 3:1 durch Kapitän Manfred Fischer direkt nach der Pause zeigt auch, dass Salzburg nach Wiederanpfiff kurz den Faden verloren hat. Vertessen hat das in der 55. Minute per Kopf repariert. Gegen einen besseren Gegner wird so eine Phase teurer.
Rapid 5:1: 3:0 nach 21 Minuten und trotzdem ein Haken
Rapid ist der bessere Gegner gewesen. Vor dem Mittwoch waren die Hütteldorfer in der Liga makellos, und Salzburg war seit elf Monaten gegen sie sieg- und torlos. Dreimal 0:1. Ich hatte nach dem Austria-Spiel gehofft, dass die Mannschaft die Ruhe mitnimmt. Was dann passiert ist, hat meine Hoffnung deutlich übertroffen.
Tabakovic in der 4. Minute nach einem Haken im Strafraum, Veratschnig in der 15. nach einem Gewusel im Fünfer, Tabakovic erneut in der 21. nach Ablage von Mazurek. Drei Tore in 21 Minuten gegen den Tabellenführer. Der Schlüssel war das Gegenpressing. Beim 2:0 hat Edmund Baidoo nach links verlagert, Vertessen hat Dominik Schmid mitgenommen, und dessen Querpass in den Fünfer hat das Chaos erzeugt, aus dem Veratschnig getroffen hat. Beim 4:0 direkt nach der Pause hat Barry den Ball im Mittelfeld erobert, Mazurek abgelegt, Baidoo vollendet. Wer Rapid kennt, weiß, dass sie nach frühen Gegentoren nervös werden. Salzburg hat diese Nervosität diesmal gnadenlos genutzt.
Und jetzt wird es unangenehm. Nach dem 4:1 durch Matthias Seidl in der 51. Minute hat Salzburg das Spiel verwaltet und trotzdem drei Großchancen liegen lassen. Sota Kitano an die Latte, Karim Konaté rollt Niklas Hedl den Ball nach einem hohen Ballgewinn in die Arme, Aboubacar Camara schießt freistehend drüber. Das 5:1 durch Konaté kam erst in der 90. Minute. Ich wollte das erst milder formulieren, aber die Zahlen geben es nicht her: Das Thema, das ich Anfang August im Kommentar zum Chancenwucher beschrieben hab, ist nicht verschwunden. Es fällt bei fünf Toren nur niemandem auf.
Tabakovic steht nach dem Doppelpack bei acht Pflichtspieltoren, fünf davon in der Europacup-Qualifikation. Das ist die Zahl, die mich im Moment am meisten beruhigt. Und gleichzeitig ist es die Zahl, die mich am meisten beunruhigt, weil ich nicht weiß, was passiert, wenn er drei Wochen ausfällt.
Jesper Lindström: Die Wette auf einen verlorenen Torriecher
Am Dienstag hat der Klub die Verpflichtung von Jesper Lindström bekannt gegeben. Der 26-jährige Däne kommt leihweise von der SSC Napoli, 18 Länderspiele, Europa-League-Sieger 2022 mit Eintracht Frankfurt unter Oliver Glasner. Napoli hat 2023 rund 30 Millionen Euro für ihn bezahlt. Laut Sky hat sich Salzburg eine Kaufoption gesichert, die Höhe ist nicht bestätigt.
Die Zahl, die mich stutzig macht, steht in fast keiner Klubmeldung: Lindström hat sein letztes Pflichtspieltor im Jänner 2023 erzielt. Seither 29 Einsätze für Napoli, 29 für Everton, 15 für Wolfsburg, kein Tor. Ein Offensivspieler, der seit dreieinhalb Jahren nicht trifft. Marcus Mann, Geschäftsführer Sport, spricht von Tempo, technischer Qualität und Variabilität. Das glaub ich ihm sogar, weil ich Lindström in Frankfurt gesehen hab. Nur ist Frankfurt lange her.
Ich bin mir da nicht sicher, mein Eindruck von der Tribüne ist aber, dass die Offensive gerade keine Verstärkung um jeden Preis braucht, sondern Konstanz. Lindström kann auf dem Flügel und im offensiven Mittelfeld spielen, das sind die Positionen, auf denen gerade Kitano, Damir Redzic und Baidoo spielen. Wenn er im Salzburger Gegenpressing seinen Torriecher wiederfindet, ist die Leihe ein Geniestreich. Wenn nicht, hat der Klub ein halbes Jahr Kaderplatz für einen Namen bezahlt. Schauen wir mal, ich lasse mich gern überraschen.
Was jetzt kommt: St. Pölten, Ried, Sofia, Sturm und Milan
Der Blick auf die nächsten drei Wochen erklärt, warum ich bei aller Freude vorsichtig bleibe. Sonntag, 6. September, 17 Uhr, ÖFB-Cup, zweite Runde beim SKN St. Pölten in der NV Arena. Ein Zweitligist, der Ende August mit einem 1:0 gegen Austria Salzburg seinen ersten Saisonsieg geholt hat und jetzt vor dem Favoriten nichts zu verlieren hat. Ich hab zu viele Cupspiele gesehen, in denen Salzburg mit fünf Wechseln in der Startelf ins Stolpern gekommen ist. Röhl wird rotieren müssen, weil die Wien-Woche Kraft gekostet hat. Die Frage ist, wie viel.
Freitag, 11. September, 19:30 Uhr, Bundesliga bei der SV Ried. Donnerstag, 17. September, 18:45 Uhr, erster Spieltag der Europa League bei Lewski Sofia, dem bulgarischen Meister. Und dann kommt der Tag, den du dir jetzt schon im Kalender markierst: Sonntag, 20. September, 17 Uhr, Sturm Graz in der Red Bull Arena. Der Vizemeister, gegen den Salzburg in der Vorsaison in vier Duellen keinen Sieg geholt hat, zuletzt das 1:1 im Mai mit dem Grazer Ausgleich in der Nachspielzeit. Am 15. Oktober folgt der AC Milan, ebenfalls daheim.
Die Tabelle steht nach fünf Runden bei 13 Punkten, zwei hinter dem LASK, der als einziger Klub noch ohne Punktverlust ist. Rapid hält bei zwölf. Das ist eine Ausgangslage, die vor einem Monat niemand für möglich gehalten hat. Was ich dabei nicht vergesse: In der Vorsaison hat Salzburg in der Europa-League-Ligaphase zwei von acht Spielen gewonnen und ist mit sechs Niederlagen ausgeschieden. Die Form gegen Austria und Rapid sagt noch nichts darüber, wie die Mannschaft in Sofia oder Anderlecht auftritt. Genau deshalb ist der Cup am Sonntag für mich der erste echte Test: Hält das System, wenn die zweite Reihe spielt?
Warum du am 20. September in der Red Bull Arena sein musst
Jetzt zum Teil, der mir am wichtigsten ist. 7.654 Zuschauer beim Playoff-Rückspiel gegen Mjällby. 10.831 gegen die Austria. 12.153 gegen Rapid. Die Kurve geht nach oben, aber sie startet von einem Niveau, das ich im Jänner im Artikel über die leeren Ränge beschrieben hab. 6.741 gegen Basel, das war der Tiefpunkt. Wer damals nicht da war, hat jetzt eine Mannschaft, die es wert ist, dass man wiederkommt.
Was in keiner Statistik steht: Die Nordkurve hat auch in der zweiten Halbzeit gegen Rapid, als die Mannschaft nachgelassen und drei Großchancen liegen gelassen hat, das Tempo gehalten. Die beiden Vorschreier arbeiten in solchen Phasen gegen die Trägheit von 12.000 Leuten an, die sich beim 4:1 schon zurücklehnen. Das ist die Arbeit, für die niemand applaudiert. Valentin Zabransky hat es in den Salzburger Nachrichten so gesagt: Ohne die Fans wären die vielen späten Tore nicht möglich gewesen. Das 5:1 in der 90. Minute gegen Rapid war so ein spätes Tor. Ich glaub ihm das.
Ehrlich ist auch: 12.153 sind für ein Spitzenspiel gegen den Tabellenführer wenig. Die Kurve hat ihren Teil geliefert, der Rest des Stadions kann nachziehen. Wenn du das nächste Mal überlegst, ob du fährst, dann fang bei der Parkplatzparty am Shuttleparkplatz Ost an. Da triffst du Leute, die seit Jahren vor jedem Heimspiel dort stehen, und du merkst schnell, dass Zugehörigkeit nichts mit Dauerkarte zu tun hat. Tickets für Sturm gibt es beim Klub, und wenn du dir ein Spiel in diesem Herbst aussuchst, dann dieses.
Zwei Wiener Klubs in vier Tagen aus der Arena geschossen, ein Neuzugang mit großem Namen, Sturm und Milan vor der Tür. Ich bin seit 1974 Salzburg-Fan und hab seither gelernt, dass die guten Phasen kürzer sind als die schlechten. Umso wichtiger, dass man sie nicht vom Sofa aus erlebt.


