Wo seid ihr eigentlich alle? Warum ich die Lücken im Stadion nicht verstehe

Inhalt
ARTIKEL TEILEN

214 zahlende Zuschauer. So viele waren es im Frühjahr 1986 in Lehen gegen den Favoritner AC, zweite Division, Abstiegsrunde. Das bestbesuchte Heimspiel dieses Frühjahrs kam auf 524. Ich war damals 17, 18 Jahre alt und hab diese Zeit auf der Tribüne mitgemacht, in einem Stadion, in dem man jeden Zwischenruf über das ganze Feld gehört hat.

Heute stehe ich mit meiner Familie auf der Nord in Wals-Siezenheim, und immer öfter schau ich mich um und denke an Lehen. Mir fallen dabei vor allem die Gesichter ein, die fehlen. Mich beschäftigt, warum die Salzburger Fanszene schrumpft, wo meine eigene Erklärung zu kurz greift und warum du trotzdem zurückkommen solltest. Anfangen muss ich dort, wo für mich alles begonnen hat.

Lehen, zweite Division und eine dreistellige Kulisse

Die Saison 1984/85 endete für die Salzburger Austria mit 18 Punkten auf Platz 15 und dem Abstieg in die zweite Division. Bitter war nicht nur der Abstieg selbst. Im selben Sommer stieg der SAK 1914 auf, und plötzlich war die Austria nicht mehr die Nummer eins in der eigenen Stadt. Wer damals in Lehen stand, wusste, wie sich Bedeutungslosigkeit anfühlt.

Vier Jahre dauerte das. Erst 1988/89 gelang mit Hans Krankl als Trainer der Wiederaufstieg. Dazwischen lagen Abende, an denen man die anderen Zuschauer fast mit Handschlag begrüßen konnte. Kalte Stehplätze, ein paar Fahnen, viel Galgenhumor. Ich erzähl das nicht aus Nostalgie. Ich erzähl das, weil diese Jahre etwas gezeigt haben, das heute gern vergessen wird: Der Salzburger Fußball hatte immer einen harten Kern, und dieser Kern war klein. Die paar Hundert von damals sind nicht gegangen, als es schlecht lief. Sie waren der Grund, warum es überhaupt weiterging.

Ich glaube nicht, dass die Salzburger Fanszene schrumpft, weil der Klub keine Titel mehr holt. Sie schrumpft, weil zu viele nur wegen der Titel gekommen sind, und weil die, die geblieben wären, nach Corona und mit knapper werdendem Geld den Weg zurück ins Stadion nicht mehr finden.

1994: Als plötzlich jeder ein Salzburger war

Dann kam 1994. Erster Meistertitel der Vereinsgeschichte, im selben Jahr das UEFA-Cup-Finale gegen Inter Mailand. Innerhalb von vier Saisonen holte die Austria drei Meistertitel. Salzburg war auf einmal wer, und auf einmal war auch jeder Salzburg-Fan.

Ich hab mich damals natürlich gefreut. Wer die zweite Division mitgemacht hat, freut sich über jeden vollen Sektor. Aber ich hab auch gesehen, wer da neu dazugekommen ist. Viele, die ein paar Jahre vorher nicht gewusst hätten, wo Lehen liegt, hatten plötzlich einen Schal um den Hals und eine Meinung zur Aufstellung. Gloryhunter nennt man das heute. Damals hatten wir in der Kurve noch kein Wort dafür, das Phänomen war aber dasselbe.

Das ist kein Vorwurf. Erfolg zieht an, das ist überall so. Nur sollte man sich nichts vormachen: Ein Teil der Leute, die heute fehlen, war nie wegen des Vereins da. Sie waren wegen des Erfolgs da. Wenn der Erfolg geht, gehen sie mit. Das tut weh, aber es ist ehrlicher, das auszusprechen, als jedes Jahr über ein neues Rahmenprogramm vor der Arena zu diskutieren. Auch wenn mir das tatsächlich fehlt, darüber hab ich auch schon geschrieben.

2005: Der Riss, der bis heute nicht verheilt ist

Am 6. April 2005 übernahm Red Bull den Klub. Ich sag es so, wie ich es sehe: Der Einstieg hat den Verein gerettet. Die finanzielle Lage war damals schlecht, und ohne frisches Geld wäre der Salzburger Profifußball sehr wahrscheinlich in der Versenkung verschwunden. Gleichzeitig hat dieser Einstieg die Fanszene gespalten, und zwar gründlich.

Name, Farben, Wappen: Violett-Weiß wurde Rot-Weiß. Die Gespräche zwischen den Traditionsfans und der neuen Führung scheiterten. Der damalige Trainer Kurt Jara meinte sinngemäß, wem das nicht passe, der solle eben seinen eigenen Verein gründen. Genau das ist passiert. Am 7. Oktober 2005 wurde der SV Austria Salzburg neu ins Vereinsregister eingetragen. Die einen gingen nach Maxglan, die anderen blieben. Ich bin geblieben, und ich hab diese Entscheidung nie bereut. Leicht war sie trotzdem nicht, weil auf der anderen Seite Leute standen, mit denen ich jahrelang in Lehen gefroren hab.

Über diese Zeit wurde viel geschrieben, und nicht alles davon stimmt. Was stimmt: Red Bull erklärte den Klub anfangs zu einem neuen Verein ohne Geschichte, 2005 sollte das Gründungsjahr sein. Das war unglücklich, und das ist noch freundlich formuliert. Was aber genauso stimmt: Der FC Red Bull Salzburg führt heute wieder 1933 als Gründungsjahr. Die Position von damals ist längst vom Tisch.

Trotzdem fliegen uns Rot-Weißen diese Sätze bis heute in jeder Diskussion um die Ohren. Am Stammtisch, im Netz, im Büro. Ich wollte das erst nüchterner formulieren, aber es nervt einfach. Wer 2026 noch mit Aussagen von 2005 argumentiert, redet über einen Klub, den es in dieser Form nicht mehr gibt. Und er redet an den Leuten vorbei, die seit 21 Jahren ins Stadion gehen und mit den damaligen Funktionären ungefähr so viel zu tun haben wie mit dem Wetter in Wals.

Serienmeister, und trotzdem halbleer

Zehn Meistertitel in Folge, von 2014 bis 2023. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Eine ganze Generation Salzburger Schulkinder kannte keinen anderen österreichischen Meister. Dann riss die Serie: 2024 und 2025 holte Sturm Graz den Teller, 2026 der LASK. Salzburg wurde in der vergangenen Saison nur Dritter.

Jetzt kommt der Teil, bei dem ich mir selbst widersprechen muss. Es wäre bequem zu sagen, die Leute bleiben weg, weil wir nicht mehr gewinnen. Die Zahlen geben das nur zum Teil her. Schon mitten in der Meisterserie, kurz nach dem Abgang von Jonatan Soriano, meldete Salzburg24 einen Zuschauerschnitt von 6.474. Serienmeister, Titel um Titel, und trotzdem blieb der Großteil der Arena leer.

In der Saison 2025/26 lag der Schnitt nach zehn Liga-Heimspielen bei 8.584. Laut Salzburg24 war das der viertniedrigste Wert in 20 Jahren Klubgeschichte, das Stadion war damit nicht einmal zu einem Drittel gefüllt. Schlecht? Ja. Aber kein Absturz aus dem Nichts, sondern ein Problem, das schon da war, als wir noch jedes Jahr am Residenzplatz gefeiert haben.

Was das konkret heißt: Die Titel haben die Lücken nur überdeckt. Wer die Meisterserie als Normalzustand erlebt hat, für den war der Stadionbesuch nie etwas Besonderes. Und was nichts Besonderes ist, lässt man irgendwann aus. Das ist für mich der eigentliche Schaden der goldenen Jahre: Sie haben uns verwöhnt, und sie haben den Stadionbesuch zu etwas gemacht, das man auch bleiben lassen kann.

Corona, die Preise und das Kaff

Dann kam Corona. Geisterspiele, leere Ränge, Fußball nur mehr am Bildschirm. Viele haben in dieser Zeit andere Dinge gefunden: das Radl am Wochenende, die Enkerl, den Garten, die Couch mit dem Streaming-Abo. Gewohnheiten brechen schnell, wenn man sie lange nicht pflegt. Und eine Gewohnheit, die einmal weg ist, kommt selten von allein zurück. Ich kenne mehrere, die mir ehrlich gesagt haben, sie hätten nie beschlossen aufzuhören. Es hat sich einfach so ergeben.

Dazu kommt das Geld. Billiger wurde nichts, weder die Eintrittskarte noch das Bier im Stadion. Ich rechne das als Familie jedes Mal mit. Für ein Ticket im Unterrang auf der Ost- oder Westtribüne zahlt ein Erwachsener bei einem Bundesligaspiel 45 Euro, bei einem Europa-League-Spiel 69 Euro. Für eine Familie ist das viel Geld, und da hat noch keiner etwas gegessen oder getrunken. Das Geld sitzt heute nicht mehr so locker wie vor ein paar Jahren, das merkt jeder an der Supermarktkassa. Ich versteh jeden, der da zweimal überlegt, bevor er mit Frau und Kindern nach Wals fährt.

Und dann ist da noch etwas, das in Diskussionen gern untergeht. Salzburg ist, was die Einwohnerzahl betrifft, ein Kaff. Knapp 159.000 Menschen haben in der Stadt ihren Hauptwohnsitz. Wien und Graz spielen da in einer anderen Liga, was das Einzugsgebiet betrifft. Wenn bei uns ein paar Tausend wegbleiben, sieht man das sofort, weil es keinen riesigen Pool gibt, aus dem automatisch neue nachrücken. Jeder Einzelne, der fehlt, fehlt doppelt.

Wo seid ihr eigentlich alle?

Ich kenne wirklich sehr viele Leute rund um den Salzburger Fußball. Und von genau diesen Leuten sind viele einfach nicht mehr da. Nicht in meinem Fanclub, nicht in den anderen, das sehe ich bei jedem Heimspiel deutlich. Die Fanclubs kämpfen um jedes Mitglied. Auch die Fans ohne Fanclub, die früher einfach mit einem Bier in der Hand auf der Nord gestanden sind, werden weniger. Der Verein versucht viel, das will ich ihm gar nicht absprechen. Es gelingt nur wenig.

Manchmal treffe ich einen von früher zufällig in der Stadt, beim Einkaufen oder auf einem Geburtstagsfest. Das Gespräch läuft fast immer gleich. Zuerst fragt er, wie es dem Verein geht, und er weiß erstaunlich genau Bescheid, über den Trainer, über die letzten Ergebnisse, über die Transfers im Sommer. Dann frag ich, wann er das letzte Mal im Stadion war. Und dann wird es still. Das Interesse ist also nicht weg. Es ist nur aus der Kurve auf das Handy gewandert, und dort schaut es halt keiner mehr gemeinsam mit anderen an.

Ganz versteh ich das nicht. Fußball ist kein Auto, das man wechselt, wenn es Mucken macht. Man bringt es in die Werkstatt, man flucht, man zahlt die Rechnung, und man fährt weiter damit.

Bei uns daheim läuft das so: Wir sind regelmäßig im Stadion, die ganze Familie. Auswärts fahr ich nur mehr selten, das möge man mir mit 58 Jahren verzeihen. Wenn wir auf Urlaub sind, läuft am Macbook die Liveübertragung, wir verpassen nur extrem selten ein Spiel. Und wir sind gut drauf, wenn wir gewonnen haben, und angefressen, wenn es wieder einmal in die Hose gegangen ist. Aber wir sind und bleiben Salzburg-Fans. Daran ändert kein dritter Platz etwas, und auch kein vierter.

Komm wieder auf die Nord

Und jetzt rede ich direkt mit dir. Mit dir, den ich seit Jahren nicht mehr auf der Parkplatzparty bzw. im Stadion gesehen hab. Mit dir, der früher drei Reihen hinter mir gestanden ist und jeden Schiedsrichterpfiff kommentiert hat. Mit dir, der nach Corona einfach nicht mehr gekommen ist, ohne dass es je eine bewusste Entscheidung war.

Du musst nicht jede Woche kommen. Du musst keine Dauerkarte kaufen und auch nicht nach Sofia fliegen. Komm einfach zu einem Spiel. Nimm die Kinder mit, oder den Nachbarn, der seit Jahren sagt, er wollte schon lange einmal mitfahren. Ruf die Leute von damals an und mach euch einen Treffpunkt am Parkplatz aus, wie früher. Schau dir an, was die Mannschaft unter Danny Röhl gerade versucht. Das 5:1 gegen Rapid Anfang September war so ein Abend, an dem ich mir gedacht hab: Schade um jeden, der das nur in der Zusammenfassung gesehen hat.

Fußball ist ein Ventil. Nach einer Arbeitswoche mit Terminen, Mails und Druck gibt es wenige Orte, an denen du 90 Minuten lang laut sein darfst, ohne dass dich jemand schief anschaut. Wo du dich über einen Fehlpass ärgern kannst statt über deinen Chef. Wo du einem Wildfremden um den Hals fällst, weil in der Nachspielzeit einer die Ruhe gehabt hat. Und wo du danach mit Leuten, die du nur vom Stadion kennst, beim Bier stehst und das Spiel noch einmal durchgehst. Das gibt dir kein Streaming-Dienst und kein Sofa.

Und schau dir die Nordkurve an, bevor du sagst, da ist eh nichts mehr los. Da stehen Leute, die bei jedem Wetter da sind, bei Regen im Februar genauso wie an lauen Abenden im August. Die zwei Vorschreier, die 90 Minuten lang mit dem Rücken zum Spiel stehen und versuchen, aus ein paar Tausend Stimmen eine zu machen. Die Fahnen, die irgendwer in seiner Freizeit gemalt hat. Die Choreos, für die andere bis in die Nacht Folien schneiden und Stangen schleppen. Diese Leute verdienen mehr als die halbleeren Blöcke rundherum. Sie verdienen dich.

Der Salzburger Fußball hat Lehen mit 214 Zahlenden überlebt. Er hat die Spaltung 2005 überlebt. Er wird auch das hier überleben. Aber er überlebt es besser, wenn du wieder dabei bist. Ich halt dir einen Platz auf der Nord frei.

Deine Meinung
Wie findest du den Artikel?
ARTIKEL TEILEN
Porträt von Alex Januschewsky, Herausgeber von S12.at
Über den Autor
Alex Januschewsky
Herausgeber und Autor von S12.at
Ich mache S12.at allein. Kein Redaktionsteam, kein Vereinsfilter, keine Rücksicht auf gute Stimmung. Was du hier liest, kommt aus Spielen, die ich gesehen habe, und aus Entwicklungen, die ich über Jahre mitverfolgt habe. Schönfärberei findest du woanders. Mir geht es um Analysen, die auch dann noch halten, wenn sie unbequem sind. Der Weg der Salzburger Mannschaft steht dabei im Mittelpunkt, weil mir ihre Entwicklung näher geht als jede Tabellenzeile.
Bundesliga
Europacup
Transfermarkt
Taktik
Fankultur
S12.at ist kein offizielles Vereinsmedium. Die Texte schreibe ich selbst, künstliche Intelligenz nutze ich nur zur Prüfung von Rechtschreibung, Grammatik und Lesefluss sowie für einzelne Bilder.
Das könnte dich auch interessieren

Ein Kommentar

  1. Ich finde das größte Problem ist die Hetze der As Neu und der ganzen Ultras in Ö + Deutschland. Zudem einer schlechten Fanführung, wenn man in 20 Jahre keine Fanszene bei diesen Erfolgen hat muss man erst schaffen. Zudem ist Rauch und Pyro bei den jungen Fans genau so gern gesehen und das wird ja streng reglemengiert. Es würde nur einen kompakten Bloch auf der Nord benötogen der lärm macht, dann wächst man von alleine. Ich war gegen Milan wieder mal im Mittelblock, Stimmung war ganz gut aber zu viele Fahnen durchgehend schwingen verschreckt halt auch..

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Seite ist durch reCAPTCHA geschützt. Es gelten die Datenschutzerklärung und die Nutzungsbedingungen von Google.

BEITRAGSNAVIGATION
FC Red Bull Salzburg · Heimspieltag

Parkplatzparty

Shuttleparkplatz Ost
Dein Kontakt zur Fanszene

Die Party startet vor dem Stadion!

Gegrilltes, kalte Getränke, heiße Diskussionen und ein Gefühl, das du nur hier erlebst: Die Parkplatzparty ist der Treffpunkt der Salzburger Fanszene. Komm vorbei, egal ob zum ersten Mal oder seit Jahren dabei. Hier gehörst du dazu.

Sei dabei