83. Minute im Ernst-Happel-Stadion. Edon Zhegrova verwandelt den Elfmeter zum 3:1 für den Kosovo, und Christian Zawieschitzky macht das, was ihm in dem Moment am sinnvollsten erscheint: Er steckt sich den Ball unters Trikot, damit die Gäste nicht schnell anstoßen können. Ein 19-Jähriger, erstes Länderspiel, 47.000 Leute im Stadion, und der Bursche denkt an die Uhr.
Ich schau mir Salzburger Torhüter seit 1974 an. So eine Abgeklärtheit bei einem Teenager hab ich selten gesehen. Die Entscheidung, im Sommer voll auf ihn zu setzen, halte ich für die beste Personalentscheidung von Marcus Mann, Geschäftsführer Sport, in diesem Transferfenster. Warum, zeigen drei Dinge: der Sonntag in Wien, sieben Runden Admiral Bundesliga und ein Satz von Herbert Prohaska.
Christian Zawieschitzky ist mit 19 Jahren Stammtorhüter des FC Red Bull Salzburg und seit Sonntag Teamgoalie. Ich halte ihn schon jetzt für den verlässlichsten Spieler dieser jungen Salzburger Mannschaft. Seine Beförderung im Juli war ein lange vorbereiteter Plan, und dieser Plan geht auf.
Was hat er gegen den Kosovo wirklich gezeigt?
Teamchef Ralf Rangnick hatte vor der Partie nur verraten, dass ein Debütant im Tor steht. Zur Wahl standen Zawieschitzky und LASK-Goalie Lukas Jungwirth, der bis dahin die Nummer eins der U21 war. Rangnick nahm den Salzburger. Das Nations-League-Heimspiel gegen die Mannschaft von Ex-Teamchef Franco Foda endete 3:1, Österreich führt die Gruppe mit sechs Punkten an.
Viel Arbeit bekam er nicht, aber wenn, dann war er da. Nach sechs Minuten hätte es schon klingeln können, Vedad Muriqi setzte den Ball aus kurzer Distanz daneben. Nach dem Seitenwechsel war es wieder Muriqi, wieder aus kurzer Distanz, und diesmal hielt Zawieschitzky die Null fest. Beim Strafstoß in der 83. Minute war er machtlos, das muss man ihm nicht ankreiden.
Mehr als die Parade hat mir die Ruhe über 90 Minuten gefallen. Keine Hektik, keine Show, keine Aktion, bei der ich im Wohnzimmer die Luft anhalten musste. Das kannst du von einem so jungen Keeper bei der Premiere nicht einfach erwarten. Rangnick sah es nach der Partie ähnlich und meinte, man könne „gar nicht glauben, dass er erst 19 ist“.
Geholfen hat sicher, dass vor ihm mit Nikolas Veratschnig ein Salzburger in der neu formierten Abwehrkette stand, der seine Art zu spielen kennt. Zawieschitzky selbst gab nach dem Schlusspfiff zu: „Ein bisschen Gänsehaut habe ich schon bekommen.“ Das nehm ich ihm ab. Wer mit 19 vor ausverkauftem Happel-Stadion in der Startelf steht und danach so nüchtern über den Abend redet, hat die Nerven für dieses Geschäft.
Mit dem Einsatz ist er der jüngste Torhüter, der seit Walter Zeman 1945 für Österreich debütiert hat. Erfahren hat er das erst nach dem Schlusspfiff, und seine Reaktion find ich großartig: „Irgendwie bringt es mich jetzt auch nicht weiter, glaube ich.“ So redet einer, der den nächsten Ball im Kopf hat und nicht die Statistik. Jetzt geht es für ihn zur U21, die in der EM-Qualifikation gegen Dänemark und Wales die entscheidenden Partien vor sich hat.
Warum Alexander Schlager gehen musste
Herbert Prohaska hat in der ORF-Übertragung ein Detail ausgesprochen, das viele in Salzburg geahnt bzw. schon gewusst haben. Alexander Schlager wäre, wenn er geblieben wäre, fix die Nummer zwei hinter Zawieschitzky gewesen. Das erklärt seinen Wechsel zu Werder Bremen.
Ich wollte das zuerst als Enthüllung verbuchen, aber so neu ist es nicht. Die Salzburger Nachrichten schrieben schon im Juli, Zawieschitzky werde wie geplant die neue Nummer eins. Salzburg24 schrieb damals, dass ihn die Rolle als Ersatzmann nicht zufriedengestellt haben dürfte. Neu ist, dass es einer wie Prohaska live im ORF sagt, ohne Umschweife.
Schlager verdient Respekt. Er war bei der WM Österreichs Stammgoalie, er ist Salzburger, und er hat hier einen Kindheitstraum gelebt. Die bittere Pointe: In Bremen ist er derzeit Reservist. Das schreib ich ohne Häme, sondern weil es zeigt, wie hart der Markt für Torhüter über 30 ist.
Die Entscheidung des Klubs halte ich trotzdem für richtig. Ein WM-Torhüter als Nummer zwei hinter einem Teenager, das wäre eine Dauerbaustelle geworden, für beide. Mann hat im Juli klar gesagt, der neue Ersatzmann müsse die Rolle als Nummer zwei voll annehmen. Mit Christian Früchtl kam ein 26-Jähriger aus Lecce mit Vertrag bis 2029, und der sitzt. Das ist Kaderplanung, die zu Ende gedacht ist.
Die Gegenrede kenn ich aus der Kurve: Mit Schlager ging wieder ein Gesicht, mit dem sich Salzburg identifizieren konnte. Das stimmt, und das schmerzt in einem Kader, in dem solche Gesichter selten geworden sind. Nur wächst im Tor gerade das nächste heran, aus der eigenen Akademie.
Sieben Runden ohne Niederlage: Wie viel davon ist sein Verdienst?
In der Admiral Bundesliga stand Zawieschitzky in allen sieben Runden die vollen 630 Minuten im Tor. Fünf Siege, zwei Remis, keine Niederlage. Salzburg geht als erster Verfolger von Rapid in die Länderspielpause, einen Punkt hinter den Hütteldorfern. Unter Danny Röhl ist die Mannschaft in allen 14 Pflichtspielen ungeschlagen, beim 3:0 gegen Sturm Graz gab es den ersten Sieg gegen die Steirer nach sechs erfolglosen Versuchen, ohne Gegentor.
Dazu kommt der Europacup. In der Qualifikation gegen Mjällby AIF hielt er in beiden Partien die Null, 1:0 auswärts und 3:0 in Wals-Siezenheim, und Salzburg zog in die Ligaphase der Europa League ein.
Jetzt wird es unangenehm, weil ich ehrlich sein muss. Die offizielle Statistik weist für ihn in sieben Ligaspielen 13 Paraden aus. Das ist wenig, und es heißt: Die Abwehr vor ihm lässt kaum etwas zu. Wie viel Prozent der Serie ich dem Torhüter gutschreibe, kann ich nicht sauber beziffern. Was ich sagen kann: Ein Goalie, der selten gefordert wird, muss in den drei Szenen pro Partie hellwach sein, und genau das kann er. Salzburg24 hat seinen Stil im Sommer mit einem Libero verglichen, und das passt zu einer Mannschaft, die hoch steht und den Raum hinter der Kette jemandem anvertrauen muss.
Dass er mit der Rückennummer 52 weiterspielt, obwohl ihm der Klub die Eins angeboten hat, passt ins Bild. Sein Vertrag läuft bis 2030. Schauen wir mal, wie lange Salzburg ihn bei solchen Auftritten halten kann.
Ein Tiroler aus dem Unterland, der bleiben soll
Angefangen hat er beim SC Kundl, über Wacker Innsbruck kam er 2020 in die Salzburger Akademie. Bei der Klub-WM in den USA hat er im Vorjahr die erste große Bühne bekommen und genutzt. Den klassischen Weg über den FC Liefering ist er gegangen, und jetzt steht er dort, wo ihn die Akademie immer hinhaben wollte. Das macht Sinn, und es ist die Geschichte, die dieser Klub öfter erzählen sollte.
Am 10. Oktober geht es in Graz gegen den GAK weiter. Die Auswärtsfahrer, die sich das antun, verdienen meinen größten Respekt, weil sie seit Jahren auch dann fahren, wenn es sportlich nichts zu feiern gibt. Die Nordkurve lebt davon, dass sie Spieler trägt, bevor der Rest Österreichs sie entdeckt. Bei Zawieschitzky ist der Rest Österreichs am Sonntag draufgekommen. Den beiden Vorschreiern hätte ich deshalb eine Bitte: Gebt dem Burschen ein eigenes Lied. Er hat es sich verdient, und ein 19-Jähriger, der sich – trotz „fluchenden“ Kosovaren – den Ball unters Leiberl steckt, um Zeit zu gewinnen, gehört genau zu uns.


