46. Minute, Kopfball Yannick Oberleitner, Latte. Vier Minuten später Anderson aus kürzester Distanz, wieder Latte. In der 76. Minute knallt Jacob Italiano einen Weitschuss ans Aluminium. Dreimal hat das Gehäuse in Graz für den FC Red Bull Salzburg gerettet, und nach dieser zweiten Halbzeit war das 0:0 kein verlorener Sieg, sondern ein gefundener Punkt. Meine These: Genau dieses Remis ist das Beste, was der Mannschaft vor dem Europa-League-Heimspiel gegen den AC Milan am Donnerstag passieren konnte. Es legt die Fehler offen, ohne etwas zu kosten. Ich zeig dir, was in Liebenau schiefgelaufen ist, warum die Ausfallliste das Ergebnis in ein anderes Licht rückt und warum Milan gerade angreifbarer ist, als der große Name vermuten lässt. Zuerst zur Partie selbst.
Was ist in Graz eigentlich schiefgelaufen?
Danny Röhl, Cheftrainer des FC Red Bull Salzburg, hat im Vergleich zum 3:0 gegen Sturm Graz vor der Länderspielpause sieben Positionen getauscht. Nur Kevin Boma, Dominik Schmid, Abubakr Barry und Karim Konaté blieben in der Startelf. Christian Früchtl stand erstmals in einem Ligaspiel für Salzburg im Tor, weil Christian Zawieschitzky mit Adduktorenproblemen fehlte. Stefan Lainer übernahm die rechte Seite, Tim Drexler rückte in die Innenverteidigung, Frans Krätzig spielte zentral neben Barry. Davor Jesper Lindström, Sota Kitano und Yorbe Vertessen hinter Konaté.
Die erste Halbzeit war gar nicht so schlecht, wie das Ergebnis vermuten lässt. Lindström zwang Cican Stankovic, den ehemaligen Salzburger im GAK-Tor, in der 7. Minute per Freistoß zu einer Glanzparade. In der 32. Minute schoss Vertessen auf das verlassene Tor, Michael Sollbauer klärte in höchster Not. Sechs Minuten später traf Konaté die Stange. Drei Situationen, in denen eine Mannschaft mit Titelanspruch in Führung gehen muss. Kurz vor der Pause hatten dann aber schon die Grazer über Oberleitner und Christian Lichtenberger die gefährlicheren Szenen.
Und jetzt wird es unangenehm. Nach dem Wiederanpfiff war der GAK die bessere Mannschaft, und zwar deutlich. Die drei Lattentreffer sind nur die sichtbarste Zahl. Dazu kam ein Kopfball von Alexander Hofleitner knapp vorbei in der 57. Minute, wieder nach einem Standard. Das ist der Teil, der mich wirklich beschäftigt: Salzburg war bei ruhenden Bällen anfällig, der Anderson-Kopfball an die Latte entstand nach einer Ecke, bei der die Abwehr ordentlich geschwommen ist. Röhl hat in der 54. Minute dreifach gewechselt, Haris Tabakovic, Edmund Baidoo und Aboubacar Camara kamen für Vertessen, Kitano und Lindström. Gegriffen hat das erst in der Schlussphase, als der eingewechselte Gaoussou Diakité kurz vor Schluss und Tabakovic in der 95. Minute jeweils an Stankovic scheiterten.
Röhl hat danach nichts schöngeredet. „Im Endeffekt waren wir nicht gut genug“, sagte er, und er wurde konkret:
„Gerade in den letzten 20 Minuten, wo man merkt, das Spiel geht auf, muss man bessere Entscheidungen treffen.“
Das find ich gscheit, weil es genau das Bild trifft, das die Partie hinterlassen hat. Ein Pass zu früh, ein Dribbling zu spät, und schon ist die Überzahl im letzten Drittel wieder weg.
Salzburg hat in Graz nach der Pause dreimal Glück am Aluminium gehabt und vorne die eigenen Großchancen liegen lassen. Ich halte das 0:0 trotzdem für einen Gewinn, weil es die zwei Baustellen vor Milan klar benennt: Standards verteidigen und im letzten Drittel schneller entscheiden.
Warum ist der Punkt trotzdem ein Geschenk?
Ich wollte das erst schärfer formulieren, aber die Ausfallliste gibt es nicht her. Diese Länderspielpause hat Salzburg härter getroffen als jeden anderen Klub der Admiral Bundesliga. Kapitän Nikolas Veratschnig hat sich bei seinem Debüt im A-Team gegen den Kosovo eine Bänderverletzung im rechten Knie zugezogen und fällt mehrere Wochen aus. Zawieschitzky, im selben Spiel ebenfalls Debütant, ist mit der Adduktorenverletzung von der U21 zurückgekommen. Damir Redzic fehlt wochenlang, Enrique Aguilar und Justin Omoregie stehen ebenfalls nicht zur Verfügung. Das ist nicht die zweite Reihe, das sind Stammkräfte und Ergänzungsspieler auf einen Schlag.
Dazu kommt die Dauer der Pause. Drei Wochen, in denen ein Großteil des Kaders bei Nationalteams war. Röhl hat nach dem Spiel darauf hingewiesen: „Der GAK konnte hingegen relativ voll trainieren.“ Wer die Abstimmung in der Salzburger Restverteidigung bei den Grazer Eckbällen gesehen hat, versteht, was er meint. Automatismen entstehen auf dem Trainingsplatz, nicht im Flieger.
Jetzt die Gegenrede, weil sie nötig ist. Röhl selbst lässt das nicht als Ausrede gelten. Sinngemäß sagte er, die Qualität auf dem Platz hätte zum Sieg gereicht, man müsse dafür aber bei hundert Prozent sein. Da hat er recht. Sieben Wechsel sind auch eine Entscheidung, und wer so viel rotiert, nimmt in Kauf, dass die Abläufe holpern. Gegen einen GAK, der unter Gerald Scheiblehner in fünf Pflichtspielen ungeschlagen ist und daheim seit elf Ligapartien nicht mehr verloren hat, war das Risiko absehbar.
Was das konkret heißt: Salzburg ist nach diesem Remis seit 15 Pflichtspielen unter Röhl ungeschlagen. Rapid hat am Sonntag mit dem 2:0 beim LASK die Tabellenführung zurückgeholt und liegt drei Punkte vorne, 21 zu 18. Das ist ärgerlich, aber kein Drama nach acht Runden. Ein Punkt in Graz mit einer halben Notelf ist im Oktober mehr wert als ein Punkt im März, weil er die Serie hält und die Mannschaft mit einem klaren Arbeitsauftrag in die Woche schickt.
Wie gefährlich ist dieser AC Milan wirklich?
Am Donnerstag steht wieder die Euopa League am Programm. Der AC Milan in der Salzburger Arena. Der Name klingt nach Champions-League-Finale, nach San Siro, nach sieben Henkelpötten. Die Gegenwart klingt anders. Milan hat den Europa-League-Auftakt am 16. September daheim gegen Benfica mit 0:2 verloren, Dodi Lukébakio und Jakub Kaminski trafen, die eigenen Fans pfiffen ihre Mannschaft nach dem Schlusspfiff aus. Gestern folgte in der Serie A ein 1:1 bei Sassuolo. Adrien Rabiot brachte Milan in Führung, fünf Minuten später glich Cas Odenthal nach einem Eckball aus. Die großen italienischen Sportzeitungen gaben Trainer Ruben Amorim durchwegs Noten zwischen 5 und 5,5.
Ein Detail aus diesem Sassuolo-Spiel hab ich mir notiert: Auch Milan hat ein Problem mit Standards. Das Gegentor fiel nach einer Ecke, und Amorim stellte das System in der Pause um, weil es nicht funktioniert hat. Eine Mannschaft, die drei Wochen nach der Benfica-Pleite noch nach ihrer Grundordnung sucht, ist eine Mannschaft, die man unter Druck setzen kann.
Unterschätzen darf man sie trotzdem nicht. Mike Maignan hat in Sassuolo mehrfach gerettet, Christian Pulisic, Rabiot und Luka Modric haben eine Qualität, die in der Admiral Bundesliga niemand hat. In der Serie A ist Milan noch ungeschlagen. Ich bin mir da nicht sicher, mein Eindruck aus den Berichten ist aber, dass dieser Kader auf dem Papier viel zu gut für seine aktuellen Ergebnisse ist, und genau solche Mannschaften explodieren irgendwann. Die Frage ist, ob am Donnerstag oder später.
Die Ausgangslage in der Ligaphase spricht für Salzburg. Nach dem 1:0 bei Lewski Sofia durch das Tor von Tabakovic in der 39. Minute stehen drei Punkte am Konto, Milan hat null. Der Druck liegt bei den Italienern. Röhl hat das Duell nach dem Graz-Spiel so angekündigt: „Die nächste schwere Aufgabe gegen eine gute Mannschaft, das nehmen wir gerne an und werden versuchen, zu Hause wieder ein Topspiel zu machen.“ Das „wieder“ steht da nicht zufällig. Gegen Sturm, Austria und Rapid hat diese Mannschaft daheim gezeigt, wie sie Spiele von der ersten Minute an bestimmt.
Was es dafür braucht, hat Graz ziemlich genau aufgeschrieben. Erstens die Eckbälle: Wer gegen den GAK bei drei Standards nur mit Glück davonkommt, wird gegen Rabiot und die Kopfballspieler aus Mailand nicht jedes Mal das Aluminium auf seiner Seite haben. Zweitens das letzte Drittel: Gegen Milan wird es nicht zehn klare Chancen geben, sondern vielleicht drei. In Sofia hat eine davon gereicht, weil Tabakovic sie genutzt hat. Drittens die erste Viertelstunde. Eine Mannschaft, die nach einer Heimpleite gegen Benfica und einem verspielten Vorsprung in Sassuolo anreist, ist verunsichert. Wenn Salzburg früh presst und die Nord von Beginn an Druck macht, kann diese Unsicherheit kippen. Wunschdenken ist das keines: Genau so hat Röhl daheim Sturm, Austria und Rapid bespielt, mit 12:2 Toren in drei Partien.
Was lehrt uns die Rechnung von 2022?
Ich hab den 6. September 2022 noch genau im Kopf. Champions League, erster Spieltag, Milan als frischgebackener italienischer Meister in Wals-Siezenheim. In der 28. Minute schob Noah Okafor den Ball erst Pierre Kalulu und dann Maignan durch die Beine. Alexis Saelemaekers glich vor der Pause aus, am Ende stand ein 1:1, das sich wie ein Sieg angefühlt hat. Maignan steht übrigens immer noch im Milan-Tor. Er wird sich an diesen Doppel-Tunnel erinnern.
Zwei Monate später der Gegenentwurf. Am 2. November 2022 verlor Salzburg in San Siro mit 0:4, Olivier Giroud traf zweimal, Milan zog ins Achtelfinale ein und Salzburg musste in die Europa League. Beide Ergebnisse gehören zur Geschichte, und beide sagen etwas aus. Daheim, vor der eigenen Kurve, kann diese Mannschaft mit Milan mithalten. Auswärts, unter Druck und ohne Rückhalt von den Rängen, wird es schnell bitter.
Donnerstag beginnt um 15.45 Uhr
Anpfiff ist am Donnerstag, 15. Oktober, um 18.45 Uhr in der Red Bull Arena. Der eigentliche Spieltag beginnt aber drei Stunden früher, um 15.45 Uhr am Shuttleparkplatz auf der Ostseite. Dort steigt die Parkplatzparty, getragen von den Fanclubs der Salzburger Szene, mit Grill, Getränken und dem Prinzip, das sie seit Jahren ausmacht: Du gibst, was du kannst. Kein Ticket, keine Anmeldung, keine Preisliste. Wer sich nach diesem Grazer Nachmittag fragt, ob er Donnerstag nach der Arbeit wirklich rausfahren soll, dem sag ich: Fang dort an. Nach einer Stunde am Shuttleparkplatz stellt sich die Frage nicht mehr.
Und dann gehört die Arena der Nordkurve. Ich hab in den letzten Monaten oft darüber geschrieben, wie dünn die Ränge an manchen Europacup-Abenden waren. Umso mehr Respekt verdienen die, die trotzdem jedes Mal da waren. Die beiden Vorschreier haben an Abenden mit halbleerer Arena 90 Minuten lang gegen die Stille angearbeitet, ohne dass irgendwer dafür applaudiert hat. Am Donnerstag kommt Milan mit eigenem Anhang, und genau dann muss die Nord zeigen, warum sie in solchen Nächten den Unterschied macht. Nicht erst nach dem ersten Tor, sondern ab der ersten Minute, auch wenn es zäh wird.
Die Mannschaft hat in Graz gezeigt, wo sie nach dieser Pause steht: angeschlagen, nicht eingespielt, aber ungeschlagen. Genau so eine Mannschaft braucht am Donnerstag keine Zuschauer, sondern (hoffentlich) an die 30.000 Mitspieler. Schauen wir mal, was daraus wird. Ich steh um 15.45 Uhr am Parkplatz.


