Manchmal ist Fußball wie eine lange Nacht am Pokertisch in einem Hinterzimmer, in dem der Rauch schwer in der Luft hängt und die Einsätze von Minute zu Minute unvernünftiger werden. Wir alle kennen den Begriff „All in“. Er klingt nach Heldenmut, nach Entschlossenheit, nach dem ultimativen Vertrauen in das eigene Blatt. Wenn man beim Texas Hold’em alle Chips in die Mitte schiebt, gibt es kein Zurück mehr. Man setzt seine gesamte Existenz in dieser Runde auf eine einzige Hand. Das Problem dabei ist nur: Wer „All in“ geht, sollte verdammt sicher sein, dass er nicht nur einen Bluff spielt, den der Gegner bereits durchschaut hat.
Der FC Red Bull Salzburg hat sich in dieser Phase der Liga genau für diese Marketingfloskel entschieden. „All in“ für die Meistergruppe. Ein Slogan, der Stärke suggerieren sollte, der den Angriff auf den Thron untermauern sollte. Doch nach dem gestrigen Abend gegen Rapid Wien fühlt sich dieses „All in“ eher wie ein verzweifelter Versuch an, mit einem Paar Zweier einen Royal Flush vorzutäuschen. Wir haben die Chips in die Mitte geschoben, aber am Ende des Abends stehen wir mit leeren Taschen da, während der Rivale aus Hütteldorf jubelnd den Tisch verlässt.
Ein Déjà-vu der bitteren Sorte
Es ist erst acht Tage her, dass wir uns gegen Rapid geschlagen geben mussten. Damals dachte ich noch, es sei ein Ausrutscher, ein schlechter Tag, wie ihn jede Mannschaft einmal hat. Man redete sich die Welt ein wenig schön. Wir wollten uns anders präsentieren, wir wollten eine Reaktion zeigen. Die Erwartungshaltung im Stadion war greifbar, eine Mischung aus Trotz und der Hoffnung, dass der „Bullen-Motor“ endlich wieder anspringt. Doch was wir gestern auf dem Rasen gesehen haben, war keine Reaktion. Es war die Kapitulation vor der eigenen Ideenlosigkeit.
Wenn man ehrlich ist, war die gestrige Leistung sogar noch schwächer als die in der Vorwoche. Es fehlte an allem, was diesen Verein über ein Jahrzehnt lang ausgezeichnet hat. Wo war das aggressive Gegenpressing? Wo war der unbändige Wille, den Gegner in der eigenen Hälfte zu erdrücken? Stattdessen sahen wir elf Spieler, die zwar das Trikot des FC Red Bull Salzburg trugen, aber kaum wie eine Einheit wirkten. Es fehlte an jeder Grundtugend, die man braucht, um im „Klassiker“, in einem Spitzenspiel der Bundesliga, zu bestehen. Der Auftritt war emotionslos, fast schon apathisch. Und genau das ist es, was uns Fans am meisten schmerzt. Man kann verlieren, man kann eine Krise haben – aber man darf niemals den Eindruck erwecken, dass es einem auf dem Platz egal ist.
Die historische Dürre: Acht Halbzeiten ohne Torjubel
Wir schreiben nun offiziell die achte Halbzeit in Folge ohne ein einziges Tor für Salzburg. Das muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen. In der Ära Red Bull gab es so etwas noch nie. Wir sprechen hier von einem Verein, der darauf spezialisiert war, Gegner mit gesenktem Kopf nach Hause zu schicken, der Offensivfußball als seine DNA verkauft hat. Diese Torlosigkeit ist kein Zufallsprodukt mehr, sie ist das Ergebnis einer tiefgreifenden sportlichen Verunsicherung.
Die Leichtigkeit ist weg. Jeder Pass in die Tiefe wirkt verkrampft, jeder Abschluss überhastet. Es brennt keiner in dieser Mannschaft. Wenn ich in die Gesichter der Spieler schaue, sehe ich keine Wut, kein Aufbäumen. Ich sehe Ratlosigkeit. In einer Saison, in der die Tabelle so eng beisammen liegt, rächt sich diese Harmlosigkeit doppelt. Dass Rapid uns zweimal innerhalb einer Woche schlägt, ist kein Pech – es ist die logische Konsequenz daraus, dass eine Mannschaft mit Plan gegen eine Mannschaft ohne Seele gespielt hat.
Das Vakuum an der Spitze: Wenn die Architektur zerbricht
Man kommt nicht umhin, die tieferliegenden Gründe für diesen Niedergang zu suchen. Es ist zu einfach, alles nur auf den Trainer oder die aktuelle Formkurve der Stürmer zu schieben. Wir erleben gerade die Langzeitfolgen eines massiven Umbruchs, der nicht nur den Kader, sondern das gesamte Fundament des Vereins betrifft. Der Abgang von Christoph Freund zum FC Bayern München hat eine Lücke hinterlassen, die bisher nicht adäquat gefüllt werden konnte. Freund war nicht nur ein Sportdirektor, er war das Bindeglied, der Architekt des „Salzburger Wegs“.
Zusätzlich wiegt der Verlust von Dietrich Mateschitz schwerer, als es viele im ersten Moment wahrhaben wollten. Mateschitz war die ordnende Hand im Hintergrund, die Identifikationsfigur für das gesamte Projekt. Ohne diese klaren Leitplanken in der Führungsebene wirkt der Verein aktuell wie ein Schiff im Nebel. Die sportliche Leitung scheint sich in einem ständigen Experimentiergeist zu verlieren, bei dem vergessen wurde, dass Fußball auch von Stabilität lebt.
Jugendwahn ohne Leitplanken
Salzburg hat das Konzept, junge Talente zu fördern und sie zu „Stars“ zu formen. Das ist das Geschäftsmodell, und wir waren damit unter den Besten der Welt. Aber jedes erfolgreiche Salzburger Team der Vergangenheit hatte eine Achse aus erfahrenen Spielern, an denen sich die Jungen aufrichten konnten. Denkt an die Zeiten von Ulmer in Bestform, an die Ruhe eines Hinteregger oder den Torriecher eines Jonatan Soriano.

Wo sind heute die „Abwehrrecken“? Ein Strahinja Pavlovic oder ein Oumar Solet haben nicht nur durch ihre Zweikampfstärke geglänzt, sondern durch ihre Präsenz. Sie waren unangenehm für jeden Stürmer. Heute wirkt unsere Defensive oft wie ein aufgescheuchter Hühnerhaufen, wenn es brenzlig wird. Junge Talente sind super, aber wenn man nur noch auf „Potenzial“ setzt und die „Präsenz“ vergisst, dann bekommt man Probleme. Uns fehlen die Kerle, die dazwischenhauen, wenn es spielerisch nicht läuft. Uns fehlt die Erfahrung, die ein Spiel beruhigt, wenn die Fans unruhig werden.
Die Stimmung im Stadion: Zwischen Pfiffen und Enttäuschung
Apropos Fans: Die Atmosphäre gestern war bezeichnend. Die Pfiffe von den Tribünen waren laut und sie waren verdient. Es war kein blinder Hass, es war der Ausdruck einer tiefen Enttäuschung. Die organisierte Fanszene auf der Nordkurve pfeift traditionell nicht gegen die eigene Mannschaft, aber die Stille, die dort zeitweise herrschte, war fast noch lauter als die Pfiffe der anderen. Es war eine lähmende Resignation spürbar.
Die Fans haben ein feines Gespür dafür, ob eine Mannschaft alles gibt und scheitert, oder ob sie gar nicht erst in den Kampfmodus findet. Gestern war Letzteres der Fall. Die Kluft zwischen dem, was der Verein in seinen glänzenden Marketingbroschüren verspricht („All in“), und dem, was auf dem Rasen geboten wird, ist mittlerweile so groß, dass sie zur Zerreißprobe für die Fankultur wird. Wir fühlen uns ein Stück weit im Stich gelassen von einer Mannschaft, die scheinbar nicht begreift, was es bedeutet, dieses Logo zu tragen.
Ein Kaderumbruch, der Fragen aufwirft
Man muss sich die Frage stellen, wie es weitergehen soll. Wenn wir ehrlich sind, rechnet nach diesem Auftritt keiner mehr ernsthaft mit dem Meistertitel. Es droht die nächste titellose Saison, was in Salzburg einer sportlichen Katastrophe gleichkommt. Die Konsequenz wird vermutlich der nächste große Kaderumbruch im Sommer sein. Aber ist das die Lösung? Noch mehr neue Gesichter, noch mehr junge Talente, die erst einmal das System verstehen müssen?
Wir drehen uns im Kreis. Das Modell, jedes Jahr die besten Spieler zu verkaufen und durch 18-Jährige zu ersetzen, funktioniert nur so lange, wie das Grundgerüst stabil ist. Wenn dieses Gerüst aber morsch ist, bricht das ganze Kartenhaus zusammen. Wir brauchen im Sommer nicht nur neue Spieler, wir brauchen eine Neuausrichtung unserer Transferphilosophie. Ein „Weiter wie bisher“ wird uns nicht zurück an die Spitze führen. Wir brauchen eine gesunde Mischung aus Hunger und Erfahrung.
Der Blick nach vorn: Scherbenhaufen oder Neuanfang?
Was bleibt uns jetzt noch? Die restlichen Spiele in der Meistergruppe drohen zu einer Qual zu werden, wenn nicht schleunigst eine interne Reinigung stattfindet. Das „All in“ ist schon beim ersten Spiel krachend gescheitert. Wir haben geblufft und wurden eiskalt erwischt. Jetzt geht es nicht mehr um Titel, sondern um Schadensbegrenzung und darum, den Kredit bei den Fans nicht vollends zu verspielen.
Es ist Zeit für Demut. Wir müssen aufhören, uns als den unantastbaren Serienmeister zu sehen, der wir einmal waren. Dieser Status ist weg. Wir sind aktuell nur noch ein Schatten unserer selbst. Nur wenn der Verein das erkennt – von der Teppichetage bis hinunter in die Kabine – besteht die Chance auf einen echten Neuanfang. Alles andere wäre nur die nächste Runde am Pokertisch, bei der wir am Ende wieder mit leeren Händen dastehen.


