Wenn die Mathematik am Rasen scheitert: Warum der xG-Wert nur Schall und Rauch ist

Der Blick auf die Anzeigetafel und der Frust über die Algorithmen

Es gibt Tage, da spüre diese pure, unverfälschte Freude, die nur der Fußball auslösen kann. Wir haben den LASK in Linz mit 5:1 vom Platz gefegt, die Stimmung war phänomenal und die Effizienz unserer Jungs vor dem Tor hat mich fast sprachlos gemacht. Doch kaum schalte ich am Abend das Handy ein oder lese die ersten detaillierten Spielanalysen, begegnet mir dieses eine Kürzel, das mittlerweile wie ein Dogma über jedem Spielbericht schwebt: xG. Der „Expected Goals“-Wert wollte uns an diesem Tag allen Ernstes weismachen, dass wir dieses Spiel eigentlich gar nicht so klar hätten gewinnen dürfen. Mehr noch, laut der Statistik hätte der LASK das Feld als Sieger verlassen müssen. In solchen Momenten sitze ich kopfschüttelnd da und denke mir, dass die Welt der Zahlen manchmal meilenweit von der Realität auf dem grünen Rasen entfernt ist.

Ich bin wahrlich kein Mensch, der sich Innovationen verschließt. In meinem Berufsalltag schätze ich Daten, die mir helfen, Dinge besser einzuordnen. Aber wenn eine Statistik behauptet, dass ein 5:1-Sieg auf einem „erwarteten“ Wert von mickrigen 1,49 Toren basiert, während der Verlierer mit einem Wert von 2,28 nach Hause geht, dann läuft etwas gewaltig schief. Es ist einer der seltenen Momente, in denen ich Didi Kühbauer absolut zustimmen muss. Er hat diesen statistischen Firlefanz als Blödsinn abgetan, und ehrlich gesagt, je länger ich mich damit beschäftige, desto mehr neige ich dazu, ihm beizupflichten. Für uns Fans zählt das, was im Netz zappelt, und nicht das, was ein Algorithmus in London oder irgendwo in einer Datenbank für wahrscheinlich hält.

„Das ist für die Fisch, ehrlich.“

Didi Kühbauer

Was steckt eigentlich hinter dem Konstrukt der Expected Goals?

Um zu verstehen, warum dieser Wert so oft für hitzige Diskussionen sorgt, müssen wir uns erst einmal ansehen, was er überhaupt darstellen will. Die Grundidee hinter den Expected Goals ist eigentlich simpel und auf den ersten Blick sogar logisch. Man versucht, die Qualität einer Torchance mathematisch zu bewerten. Jeder Schuss, der in einem Spiel abgegeben wird, erhält einen Wert zwischen 0 und 1. Ein Elfmeter hat beispielsweise meist einen xG-Wert von etwa 0,76, weil statistisch gesehen 76 Prozent aller Elfmeter verwandelt werden. Ein Schuss aus vierzig Metern Entfernung hingegen bekommt vielleicht nur einen Wert von 0,02, weil eben nur jeder fünfzigste dieser Versuche im Tor landet.

In diesen Wert fließen verschiedene Variablen ein. Die Entfernung zum Tor ist der offensichtlichste Faktor, aber auch der Winkel, aus dem geschossen wird, spielt eine Rolle. Moderne Modelle berücksichtigen zudem, ob es ein Kopfball oder ein Schuss mit dem Fuß war, ob der Spieler unter Bedrängnis stand oder ob es sich um einen Konter handelte. Sogar die Position des Torhüters und der Verteidiger wird teilweise in Echtzeit in die Berechnung einbezogen. Das Ziel der Erfinder war es, ein Werkzeug zu schaffen, das über das bloße Ergebnis hinausgeht und zeigt, wie gut eine Mannschaft tatsächlich spielt, unabhängig davon, ob der Ball nun vom Innenpfosten ins Tor oder ins Aus springt. Man wollte das „Glück“ aus der Gleichung streichen und die reine Leistung bewerten.

Die Köpfe hinter den Zahlen und der Siegeszug der Daten

Die Geschichte des xG-Werts ist eng mit der Digitalisierung des Fußballs verknüpft. Während wir früher nur die Torschüsse und den Ballbesitz kannten, wollten Analysten tiefer graben. Als einer der Pioniere gilt Sam Green, der um das Jahr 2012 für das Statistik-Unternehmen Opta arbeitete. Er begann damit, tausende von historischen Schussdaten zu analysieren, um Muster zu erkennen. Die Idee war nicht völlig neu – schon in den 1950er Jahren gab es Versuche, die Effizienz von Spielzügen zu messen –, aber erst die Rechenpower moderner Computer machte es möglich, diese Modelle massentauglich zu machen.

Heute nutzen Profivereine diese Daten exzessiv. Auch beim FC Red Bull Salzburg werden diese Werte publiziert. Wenn ein Stürmer über Wochen hinweg weniger Tore erzielt, als sein xG-Wert vermuten ließe, tröstet man sich damit, dass er zumindest in den richtigen Positionen ist und der Knoten bald platzen wird. Doch genau hier beginnt das Problem für uns Fans. Fußball ist kein Spiel, das man am Reißbrett oder im Excel-Sheet perfekt abbilden kann. Die menschliche Komponente, die individuelle Klasse eines Ausnahmespielers und der pure Wille lassen sich nicht in eine Dezimalzahl pressen.

Das Paradoxon von Linz: 1:5 gegen 2,28 xG

Kommen wir zurück zu jenem Spiel gegen den LASK, das mir immer noch ein Lächeln ins Gesicht zaubert, wenn ich an die Tore denke. Salzburg gewinnt 5:1. Das ist eine Machtdemonstration, ein Statement in der Fremde. Doch die Statistik-Nerds servieren uns danach Zahlen, die wie ein schlechter Scherz wirken. Ein xG-Wert von 1,49 für Salzburg bedeutet im Grunde, dass wir statistisch gesehen nicht einmal zwei Tore hätten schießen dürfen. Dass wir aber fünfmal jubeln durften, zeigt die eklatante Schwäche dieses Systems: Es bestraft Qualität.

Wenn ein Karim Konaté oder ein Sota Kitano den Ball aus einer Position im Netz unterbringt, die für einen „Durchschnittsspieler“ schwierig ist, dann bleibt der xG-Wert niedrig. Das System geht nämlich immer von einem durchschnittlichen Spieler aus. Aber wir in Salzburg haben eben keine Durchschnittsspieler. Wir haben Talente, die über eine überdurchschnittliche Schusstechnik verfügen. Wenn diese Jungs ihre Chancen eiskalt nutzen, wird das vom xG-Modell als statistischer Ausreißer oder gar als „Glück“ gewertet. Auf der anderen Seite hatte der LASK einen xG-Wert von 2,28. Das suggeriert, sie hätten zwei Tore machen müssen und waren eigentlich die gefährlichere Mannschaft. Doch wer im Stadion war, sah etwas völlig anderes. Wir sahen eine Salzburger Mannschaft, die ihre Angriffe zu Ende spielte, die Räume nutzte und den Gegner phasenweise vorführte. Der LASK hingegen kam zwar zu Abschlüssen, doch diese waren oft harmlos oder wurden von unserer Verteidigung entscheidend gestört, was die Mathematik oft nur unzureichend erfasst.

Warum die Statistik die Seele des Spiels ignoriert

Was mich an diesem Wert am meisten nervt, ist die Arroganz, mit der er oft präsentiert wird. Kommentatoren und Analysten nutzen ihn, um ein Spiel umzudeuten. Da wird dann davon gesprochen, dass ein Sieg „unverdient“ war, weil der xG-Wert niedriger war als der des Gegners. Aber was ist im Fußball schon verdient? Verdient ist das, was auf der Anzeigetafel steht. Wenn unsere Abwehr so stabil steht, dass der Gegner nur aus ungünstigen Positionen zum Abschluss kommt, dann ist das eine taktische Meisterleistung und kein Zufall, den man durch hohe xG-Werte kleinreden sollte.

Zudem ignoriert der Wert völlig die Psychologie eines Spiels. Wenn wir früh in Führung gehen, verlagern wir unser Spiel. Wir lassen den Gegner kommen, lauern auf Konter. Der Gegner schießt dann vielleicht öfter aus der Distanz, was seinen xG-Wert in der Summe nach oben treibt, ohne dass er jemals wirklich gefährlich wird. Wir hingegen setzen zwei, drei Nadelstiche, die hocheffizient sind. Das Ergebnis ist ein klarer Sieg, den die Statistik als „unwahrscheinlich“ einstuft. Das ist genau der Punkt, an dem Fans wie ich aussteigen. Wir wollen keine Wahrscheinlichkeiten, wir wollen Leidenschaft und Tore sehen.

Der Einfluss auf die Fankultur und die Wahrnehmung

Ich merke in Gesprächen in der Nordkurve immer wieder, dass dieser Daten-Hype auf Ablehnung stößt. Die Fans fühlen sich oft bevormundet. Man sieht ein Klassespiel seiner Mannschaft und bekommt danach von einem Computer gesagt, dass man eigentlich schlecht war. Das nimmt dem Fußball die Magie. Wir lieben diesen Sport, weil er unvorhersehbar ist. Weil der Außenseiter mit einer einzigen Chance gewinnen kann. Wenn wir alles nur noch durch die Brille der Wahrscheinlichkeitsrechnung betrachten, wird der Fußball zu einer trockenen mathematischen Gleichung.

Natürlich gibt es eine Daseinsberechtigung für Daten. Aber sie sollten eine Ergänzung sein, kein Ersatz für das echte Erleben. In Salzburg sind wir stolz auf unsere Effizienz und unsere Ausbildung. Wenn unsere Stürmer den xG-Wert regelmäßig übertreffen, dann ist das ein Zeichen von Qualität und kein statistischer Fehler. Es zeigt, dass wir Spieler haben, die den Unterschied machen können. Und genau für diese Unterschiedsspieler gehen wir ins Stadion. Wir gehen nicht dorthin, um zu sehen, wie ein Team einen Erwartungswert erfüllt.

Zwischen Sachlichkeit und Emotion

Ich versuche immer, den Spagat zwischen der emotionalen Fanhaut und dem analytischen Blick zu schaffen. Doch beim Thema Expected Goals fällt mir das schwer. Es ist ein Instrument, das für Trainer und Scouts wertvoll sein mag, um Trends zu erkennen. Aber in der Berichterstattung für uns Fans hat es einen zu hohen Stellenwert eingenommen. Es wird oft als die absolute Wahrheit verkauft, dabei ist es nur eine Annäherung, die auf der Vergangenheit basiert.

Fußball findet aber im Jetzt statt. In der Sekunde, in der der Ball den Fuß verlässt, spielen so viele Faktoren eine Rolle, die kein Algorithmus der Welt jemals vollständig erfassen kann. Die Stimmung im Stadion, der Wind, die Müdigkeit nach einer englischen Woche oder einfach der Geniestreich eines einzelnen Spielers. Das Spiel gegen den LASK wird mir als ein Abend in Erinnerung bleiben, an dem wir unsere Dominanz eindrucksvoll unter Beweis gestellt haben. Dass die Statistik uns nur 1,49 Tore zugestehen wollte, ist mir am Ende völlig egal. Die drei Punkte sind auf unserem Konto, und die fünf Tore in den Maschen der Linzer sind realer als jede Dezimalzahl.

Ein Plädoyer für das Bauchgefühl

Vielleicht sollten wir wieder lernen, unseren eigenen Augen mehr zu trauen als den Grafiken im Fernsehen. Wenn eine Mannschaft fünf Tore schießt, dann hat sie an diesem Tag alles richtig gemacht. Punkt. Da braucht es keine nachträgliche Korrektur durch ein Modell, das uns erklären will, dass das eigentlich gar nicht hätte passieren dürfen. Didi Kühbauer hat recht, wenn er sich darüber lustig macht. Es ist ein Teil der „Modernisierung“ des Fußballs, der uns Fans ein Stück weit die Freude raubt, weil er versucht, das Unerklärliche zu erklären.

Ich werde auch weiterhin die Spiele unseres FC Red Bull Salzburg mit Leidenschaft verfolgen. Ich werde mich über jedes Tor freuen, egal wie niedrig sein xG-Wert auch sein mag. Denn am Ende des Tages ist Fußball ein Ergebnissport. Und solange wir mehr Tore schießen als der Gegner, ist mir jede Statistik der Welt herzlich egal. Wir sind Salzburg, wir machen das Unmögliche möglich, und das lässt sich nun mal nicht berechnen.

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Alex Januschewsky

Ich bin Herausgeber von S12 und schreibe leidenschaftlich gerne über Fußball. Dabei geht es mir nicht um Schönfärberei, sondern um konstruktive und auch kritische Analysen. Die Mannschaft der Salzburger steht für mich im Mittelpunkt, weil mir ihr Weg und ihre Entwicklung am Herzen liegen.

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