Ich gebe zu: Als die Meldung kam, dass Thomas Letsch freigestellt wurde, war da bei vielen von uns nicht zuerst Trauer, sondern so ein trockenes „Na endlich“. Das klingt hart, ist aber ziemlich ehrlich. Nicht, weil Letsch als Mensch verbrannt wäre. Sondern weil sich diese Monate angefühlt haben wie ein Dauertest: Wie lange kann ein Klub mit dem Anspruch des FC Red Bull Salzburg „Kampf statt Glanz“ als Dauerzustand verkaufen, ohne dass irgendwann jemand sagt: Stopp, so geht’s nicht weiter. Genau dieses „Stopp“ ist jetzt passiert.
Der Zeitpunkt ist kein Zufall. Das 1:1 beim GAK war so ein Spiel, das dich als Fan mehr ermüdet als wütend macht. Tabellenführer beim Vorletzten, und am Ende fühlt es sich an wie ein Rückschritt. Letsch selbst wirkte danach sichtbar unzufrieden. Und wenn sogar der Cheftrainer öffentlich spürbar ringt, ist das meistens kein gutes Zeichen für die innere Stabilität.

Dazu kam: In 56 Pflichtspielen lag der Punkteschnitt bei 1,55. Für viele Klubs wäre das solide. Für Salzburg ist das zu wenig, wenn du Jahr für Jahr mit dem Etikett „Titelpflicht“ aufläufst. Marcus Mann, der erst seit wenigen Wochen als Sport-Geschäftsführer im Amt ist, sprach von „neuen Impulsen“. Das ist die eleganteste Version von „Es fehlt uns etwas“ – und gleichzeitig die klassische Red-Bull-Formulierung, wenn man merkt: Die Kurve geht nicht dahin, wo sie hingehen soll.
Warum viele Fans sogar erleichtert sind
Die Erleichterung kommt aus einer Mischung, die Salzburg-Fans inzwischen nur zu gut kennen: Erwartung, Geduld, dann wieder Erwartung – und irgendwann kippt es. Unter Letsch war da oft dieses Gefühl, dass wir in Spiele gehen und nicht wissen, wofür Salzburg heute stehen will. Pressing? Ja, phasenweise. Dominanz? Selten über 90 Minuten. Spielwitz? In Momenten. Aber als Gesamtbild war es häufig zäh, manchmal ideenarm, und zu oft hat man sich an einzelnen Aktionen festgehalten, statt an einer klaren Handschrift. „Kampf statt Glanz“ ist als Ausnahme okay. Als Konzept nicht.
Und dann ist da noch die Fan-Stimmung. Nach dem GAK-Spiel ist online ziemlich deutlich geworden, wie leer der Geduldspeicher war. Die üblichen „Letsch raus“-Rufe sind nicht automatisch ein Maßstab, aber sie sind ein Symptom. Wenn die Mehrheit nicht mehr diskutiert, sondern nur noch abwinkt, dann ist die Beziehung zwischen Kurve und Trainer praktisch durch.
Ich glaube, viele sind auch deshalb froh, weil man sich wieder an etwas klammern darf, das Salzburg immer ausgezeichnet hat: Entwicklung, Klarheit, Tempo. Nicht jeder Coach muss „RB-Schule“ auf dem Lebenslauf stehen haben. Aber Salzburg funktioniert dann am besten, wenn Intensität und Idee zusammengehen – und nicht, wenn man nur hofft, dass es sich „irgendwie ausgeht“.
Daniel Beichler übernimmt – und wir sollten ihm eine faire Chance geben
Und jetzt also Daniel Beichler. Liefering-Coach, interne Lösung, österreichisch, schnell verfügbar. Die Entscheidung kam quasi im Sprinttempo: Nur Stunden nach der Freistellung war die Nachfolge offiziell (und ich musste diesen Blog quasi „on-th-fly“ abändern, denn geplant war er eigentlich anders). Beichler hat laut Berichten einen Vertrag bis 2028 bekommen – das ist, nüchtern betrachtet, mehr als ein „Wir schauen mal bis Sommer“. Das ist ein Signal: Der Klub traut ihm grundsätzlich zu, mehr zu sein als bloß der Feuerwehrmann.
Trotzdem lese ich gerade: „Interimistisch wäre ok, aber fix?“ oder “Sie wollen nur mehr ein typisch österreichischer Kirtagsverein sein.“ Und ja, ich verstehe den Reflex. Liefering ist nicht Salzburg. Die Kabine in Liefering ist eine andere Welt als eine Kabine, in der du Titel liefern musst, während jede Unentschieden-Serie schon wie eine Krise wirkt. Und der Name Beichler löst bei vielen eben nicht dieses Gefühl aus, dass jetzt „der große Plan“ kommt.
Aber genau da will ich bewusst gegensteuern. Nicht aus Romantik, sondern aus Fairness – und auch aus Erfahrung. Salzburg hat in der Vergangenheit öfter gezeigt, dass interne Lösungen überraschen können, weil sie das System kennen, weil sie die Sprache im Klub sprechen und weil sie nicht erst Wochen brauchen, um zu verstehen, wie der Laden tickt. Beichler kennt die Durchlässigkeit, die Ausbildungslogik, die Erwartungshaltung. Und er kommt nicht mit dem Auftrag, sich selbst zu inszenieren, sondern mit dem Auftrag, eine Mannschaft zu führen, die eigentlich genug Qualität hat, um Spiele zu dominieren.
Mein ironischer Gedanke dazu: Viele Fans wünschen sich immer „Identität“ und „Salzburg-DNA“. Wenn dann jemand kommt, der das tatsächlich atmet, sagen wir: „Ja, aber bitte mit großem Namen.“ Das ist menschlich – aber nicht zwingend logisch.
Was Beichler sofort liefern muss, damit das „Notlösung“-Etikett abfällt
Beichler wird nicht daran gemessen, ob er schöne Pressekonferenzen hält. Er wird an drei Dingen gemessen: Erstens, ob Salzburg wieder klarer im Pressing wird, ohne dabei wild zu werden. Zweitens, ob das Ballbesitzspiel wieder einen Plan hat, der über „irgendwer wird schon sprinten“ hinausgeht. Drittens, ob die Mannschaft wieder so wirkt, als hätte sie Lust, gemeinsam etwas zu erzwingen – nicht nur Pflichtprogramm abzuspulen.
Und ja: Er wird das in einem Umfeld machen müssen, das keine Aufwärmphase kennt. Der LASK wartet, das Spitzenspiel war ja genau der Druckpunkt, über den zuletzt schon gesprochen wurde. Mann wollte „schon vor dem LASK-Spiel“ jemanden auf der Bank, der neue Energie reinbringt. Jetzt ist diese Wette platziert.
Marcus Mann und der schnelle Schnitt: Risiko oder notwendige Klarheit?
Über Marcus Mann kann man in diesen Tagen noch nicht endgültig urteilen. Aber man kann eines anerkennen: Er hat nicht lange gezögert. „Neue Impulse“ nach einer Analyse – das ist die Art von Entscheidung, die du als Sportchef triffst, wenn du entweder sehr überzeugt bist oder sehr schnell zeigen willst, dass du die Richtung vorgibst. Vermutlich ist es beides.
Daniel Beichler kennt unseren Klub seit Jahren sehr gut und damit einhergehend auch unsere Spiel- und Ausbildungsphilosophie. So hat er mit Jannik Schuster, Tim Trummer oder Joane Gadou bereits etliche Spieler trainiert, die mittlerweile im Kader bei uns stehen. Daniel verfügt über eine klare Idee, wie er spielen und was er von seiner Mannschaft sehen möchte. Nicht ohne Grund hatten ihn auch andere Klubs in der jüngeren Vergangenheit im Blick. Er erhält die volle Unterstützung, notwendige Änderungen anzuschieben, um unsere Mannschaft weiterzuentwickeln und die kommenden Herausforderungen erfolgreich zu meistern.
Marcus Mann, Geschäftsführer Sport
Das Risiko ist klar: Wenn Beichler nicht sofort zündet, wirkt der Trainerwechsel wie hektische Symbolpolitik. Die Chance ist aber auch klar: Wenn Beichler Stabilität und Klarheit reinbringt, hat Mann in kürzester Zeit Vertrauen gewonnen – in der Kabine und auf den Rängen.
Die „anderen Kandidaten“: Was möglich gewesen wäre und warum es kompliziert ist
Und nun kommen wir zu dem Blog, den ich eigentlich geschrieben habe: Wer wären mögliche Kandidaten? Zur Frage, die Fans immer sofort stellen: Warum nicht der große, „logische“ Name? Warum nicht jemand, bei dem du schon beim ersten Lesen der Push-Nachricht kurz schneller atmest?
Bo Svensson: der naheliegende RB-Pressing-Mann
Bo Svensson ist tatsächlich so etwas wie der „logische“ Kandidat, wenn man Salzburg als Intensitätsprojekt denkt. Sein Union-Aus im Dezember 2024 ist dokumentiert, seitdem war er verfügbar. Und er steht für das, was viele hier wieder sehen wollen: klare Abläufe gegen den Ball, hohe Energie, robuste Mentalität.
Warum also nicht Svensson? Ich vermute: Weil Salzburg nicht nur Stabilität braucht, sondern auch wieder eine Spielfreude mit Ball. Svensson kann das entwickeln, ja – aber sein Ruf ist stärker über die Kompaktheit und das Anlaufen definiert als über kreativen Ballbesitz. Und in Salzburg brauchst du beides. Außerdem ist da immer die Frage: Will Svensson gerade wirklich in ein Umfeld, das jeden Sonntag „Meisterschaft oder Krise“ spielt? Oder sucht er nach seiner Pause eher ein Projekt, das weniger Dauerstress hat? Das weiß nur er selbst.
Sandro Schwarz: die sichere Netzwerk-Lösung
Sandro Schwarz kennt das Red-Bull-Universum, zuletzt war er bei den New York Red Bulls, bis sich der Klub im Oktober 2025 von ihm trennte. Er ist also grundsätzlich verfügbar und in solchen Momenten oft auf der Liste, weil er als Typ gilt, der Teams stabilisieren kann.
Warum wurde es dann nicht Schwarz? Vielleicht genau wegen dieser „Sicherheit“. Salzburg ist selten am besten, wenn es nur „sicher“ ist. Salzburg ist am besten, wenn es mutig ist. Schwarz wäre vermutlich eine saubere Lösung gewesen, aber keine, bei der sich sofort dieses Gefühl einstellt: Jetzt startet etwas Neues. Eher: Jetzt wird es wieder ordentlich. Das ist nicht schlecht – aber vielleicht wollte Mann etwas, das stärker nach Entwicklung riecht als nach Reparatur.
Marco Rose: der Fan-Traum, der an Realität scheitert
Marco Rose ist und bleibt für viele Fans der Name, der am meisten Emotion auslöst. Sein Aus bei RB Leipzig im März 2025 ist belegt, und seitdem gab es immer wieder Spekulationen, wo er als Nächstes landet.
Warum ist Rose so schwierig? Weil bei ihm sofort zwei Fragen auftauchen: Erstens das Gehalt, zweitens sein eigener Anspruch. Nach Leipzig wird Rose eher auf ein Top-Angebot warten als „zurück nach Salzburg“ zu gehen, wenn er das Gefühl hat, sportlich und finanziell in einer anderen Liga zu spielen. Und trotzdem: Ein Herzens-Comeback ist im Fußball nie völlig ausgeschlossen. Ich glaube nur, Salzburg müsste dafür ein sehr klares, sehr reizvolles Gesamtpaket bauen – sportlich, strukturell, perspektivisch. Einfach nur „komm heim“ reicht nicht.
Zsolt Löw: systemnah, klug – aber nicht automatisch verfügbar
Zsolt Löw ist im Red-Bull-Kosmos eine spannende Figur. Er war zuletzt in einer Red-Bull-Rolle als „Head of Soccer Development“ unterwegs, also sehr nah an Philosophie und Weiterentwicklung. Er gilt als hochkompetent, strukturiert, modern.
Warum also nicht Löw? Weil solche Rollen nicht „mal eben“ zu einem Cheftrainerjob umgebaut werden. Und weil Löw in den letzten Jahren häufig als Teil größerer Projekte gedacht wurde – nicht zwingend als der Mann, der Woche für Woche in Wals-Siezenheim den Kopf hinhält. Für Salzburg wäre er reizvoll, aber es müsste auch für ihn passen: Will er wieder voll in den Tagesbetrieb? Oder ist sein Wirkungskreis bewusst anders angelegt?
Was die Beichler-Entscheidung über Salzburg sagt
Diese Entscheidung ist nicht nur „Trainer weg, neuer Trainer da“. Sie ist ein Hinweis darauf, wie Salzburg sich gerade selbst sieht. Wenn du in so einem Moment intern hochziehst, sagst du: Wir glauben an unsere Struktur. Wir glauben, dass unser Weg nicht kaputt ist – nur die Umsetzung hat zuletzt nicht gepasst. Und wir glauben, dass Nähe zum Klub und Verständnis für die Ausbildungs-DNA gerade wichtiger sind als ein prominenter Name.
Das ist mutig. Und es ist auch ein bisschen typisch Salzburg: Wenn es laut wird, versucht der Klub oft nicht, die Lautstärke mit einem Star zu übertönen, sondern mit einem Systemargument. Das kann funktionieren. Es kann aber auch scheitern, wenn die Mannschaft den Schalter nicht umlegt.
Was ich mir jetzt wünsche
Ich will wieder Spiele sehen, in denen wir nicht nach 20 Minuten das Gefühl haben, dass alles Arbeit ist. Ich will dieses Salzburg, das Gegner stresst, weil es schneller denkt und schneller rennt. Ich will, dass junge Spieler wieder so eingebaut werden, dass sie wachsen können, ohne dass sie an der Gesamt-Unruhe zerbrechen. Und ich will, dass die Mannschaft wieder wirkt, als hätte sie einen gemeinsamen Plan, nicht nur gemeinsame Termine.
Beichler muss das nicht in einer Woche perfektionieren. Aber er muss es erkennbar machen. Dann werden auch viele, die ihn jetzt skeptisch beäugen, ziemlich schnell umschalten. Fans sind oft strenger als sie sein müssten – aber sie sind auch bereit, jemanden zu tragen, wenn sie spüren, dass er Salzburg versteht.


