Man sagt, dass der Fußball ein Spiegelbild der Gesellschaft sei, doch in Salzburg ist er momentan eher ein Spiegelbild einer schleichenden Entfremdung. Gestern Abend, als die Lichter in der Red Bull Arena angingen, fühlte es sich nicht nach einem Halbfinale im ÖFB-Cup an. Es fühlte sich an wie ein Termin, den man pflichtbewusst wahrnimmt, aber eigentlich lieber schwänzen würde.
Dass am Ende nur 5.720 Zuschauer den Weg nach Wals-Siezenheim gefunden haben, ist eine Zahl, die wie eine schallende Ohrfeige durch die Betonkatakomben hallt. Es ist ein Tiefpunkt einer Entwicklung, die ich schon seit Monaten, vielleicht sogar Jahren, kommen sah. Als ich auf meinem Stammplatz saß und in die weiten, leeren Sektoren blickte, wurde mir klar, dass wir hier nicht nur über ein verlorenes Spiel gegen Altach sprechen. Wir sprechen über den Verlust einer Identität, die diesen Verein einst unangreifbar gemacht hat.
Der Abend, an dem das Schweigen ohrenbetäubend wurde
Wenn eine Mannschaft wie der FC Red Bull Salzburg zu Hause gegen Altach aus dem Cup fliegt, dann ist das sportlich gesehen bereits ein Desaster. Aber die Art und Weise, wie dieser Abend verlief, lässt tiefere Wunden zurück. Die Atmosphäre war bleiern. Es fehlte das Knistern, das uns früher durch solche K.o.-Spiele getragen hat. 5.720 Menschen in einem Stadion für 30.000 (ok, im Cup und der Liga steht nicht die volle Kapazität zur Verfügung) – das ist eine Geisterkulisse, die eines „Serienmeisters“ unwürdig ist. Es zeigt, dass die Fans die Geduld verloren haben.

Sie bleiben nicht wegen des Wetters weg, sie bleiben weg, weil das Produkt auf dem Rasen keine Emotionen mehr weckt. Man geht ins Stadion, um sich begeistern zu lassen, um Leidenschaft zu sehen und um das Gefühl zu haben, dass da unten elf Männer stehen, die genau wissen, was dieses Wappen auf der Brust bedeutet. Gestern war davon wenig zu spüren. Es war ein klinisches, fast schon teilnahmsloses Ausscheiden gegen einen Gegner, der uns mit einfachsten Mitteln den Schneid abgekauft hat.
Die nackte Wahrheit hinter den trügerischen Statistiken
Oft wird versucht, die aktuelle Lage in der Bundesliga schönzureden. Man verweist auf die Tabellenführung oder die knappen Abstände, doch wer die Augen aufmacht, sieht ein Trümmerfeld. Sieben Unentschieden und vier Niederlagen aus 21 Spielen sind eine Bilanz des Grauens für einen Verein mit diesen finanziellen und strukturellen Möglichkeiten. Wir sind nur deshalb noch im Rennen um den Titel, weil die gesamte Liga eine kollektive Schwächeperiode durchläuft. Das ist kein Verdienst unserer Stärke, sondern ein glücklicher Umstand der Schwäche der anderen.
Der mediale Titel des „Ligakrösus“ wird uns mittlerweile wie ein Mühlstein um den Hals gehängt. Wir schleppen uns von Woche zu Woche, ohne eine spielerische Entwicklung zu zeigen. Die Dominanz ist weg, die Angst der Gegner vor der Red Bull Arena ist längst verflogen. Mannschaften wie Altach kommen heute nach Salzburg und wissen genau, dass sie hier etwas mitnehmen können, wenn sie nur kompakt stehen und auf unsere Fehler warten.
Verspielt in der Bedeutungslosigkeit: Die Sucht nach dem „Schönen“
Eines der größten Probleme, die ich Woche für Woche beobachte, ist die fast schon krankhafte Versessenheit darauf, den Ball ins Tor zu tragen. Wir wollen immer „schön“ spielen. Ein Hakerl hier, ein Ferserl da, ein Dribbling zu viel – es ist, als hätten die Spieler vergessen, dass Fußball ein Ergebnissport ist. Es fehlt die Gradlinigkeit. Wo sind die Fernschüsse geblieben? Warum versucht niemand mehr, aus der zweiten Reihe einfach mal draufzuhalten, wenn der Gegner den Strafraum verrammelt? Es ist eine spielerische Eitelkeit in diese Mannschaft eingezogen, die mich wahnsinnig macht.
Wir verstricken uns in Kurzpassstafetten ohne Raumgewinn, während der Gegner in aller Ruhe seine Formation verschieben kann. Auch unsere Standardsituationen sind mittlerweile so harmlos wie ein laues Lüftchen. Früher war ein Freistoß für Salzburg fast schon ein halbes Tor (Soriano, wo bist du?), heute ist sie oft der Ausgangspunkt für einen gegnerischen Konter, weil wir defensiv völlig ungeordnet sind.
Das Führungs-Vakuum und die Grenzen des Jugend-Wahns
Hier müssen wir den Finger in die Wunde der Kaderplanung legen. Gruß an die Scoutingabteilung: Talent zu finden ist das eine, eine funktionierende Mannschaft zusammenzustellen das andere. Wir haben einen Kader voller hochveranlagter Jungs, die zweifellos irgendwann in den Top-Ligen Europas spielen werden. Aber im Hier und Jetzt fehlt ihnen die Orientierung.

Ein junges Talent braucht Führung. Es braucht den erfahrenen Mitspieler, der in der 80. Minute beim Stand von 0:1 die Ruhe bewahrt und die Richtung vorgibt. In unserem aktuellen Gefüge gibt es diese Ankerpunkte nicht mehr. Wir haben eine Ansammlung von Spielern, die Salzburg primär als Sprungbrett sehen. Das ist legitim, war schon immer Teil des Konzepts, aber es funktioniert nur, wenn ein harter Kern an gestandenen Profis vorhanden ist, die den Verein „atmen“. Diese Balance ist uns völlig abhandengekommen. Wir verlassen uns zu sehr auf die individuelle Klasse der 18- bis 21-Jährigen, die aber natürlich Schwankungen unterworfen sind.
Eine Verteidigung ohne Biss und ein Mittelfeld ohne Kompass
Was mich besonders nachdenklich stimmt, ist das passive Verteidigungsverhalten. Wir haben das aktive Pressing, das uns jahrelang ausgezeichnet hat, fast vollständig aufgegeben. Stattdessen sehen wir ein zögerliches Abwarten, ein Begleiten des Gegners statt eines Angreifens. Es fehlt die Aggressivität, der unbedingte Wille, den Ball sofort zurückzuerobern. Im Mittelfeld fehlt uns zudem ein echter Spielmacher, ein Metronom, das das Spiel liest. Alles wirkt zufällig, stückhaft und wenig durchdacht. Unter Daniel Beichler hat sich dies zwar verbessert, aber der Neo-Coach kann auch keine Wunder bewirken.
Wenn ich dann sehe, dass Spieler zum Einsatz kommen, die Woche für Woche beweisen, dass sie mit dem Tempo oder der taktischen Anforderung überfordert sind, dann frage ich mich, nach welchen Kriterien hier aufgestellt wird. Es gibt Akteure im Kader, deren Talentstatus längst abgelaufen ist, die aber trotzdem immer wieder das Vertrauen erhalten, ohne es zurückzuzahlen.
Die menschliche Komponente und die Entfremdung der Fans
Wir dürfen nicht vergessen, dass Fußball für uns Fans mehr ist als nur ein Ergebnis am Teletext. Es geht um Emotionen. Wenn ich im Stadion stehe und das Gefühl habe, dass die Spieler auf dem Platz weniger leiden als ich auf der Tribüne, dann bricht etwas. Die 5.720 Zuschauer von gestern sind das Ergebnis einer langen Kette von Enttäuschungen. Die Menschen in Salzburg sind fußballbegeistert, aber sie lassen sich nicht für dumm verkaufen. Sie merken, wenn die Einstellung nicht stimmt.
Sie merken, wenn die „Mia-san-mia“-Mentalität (um mal zum Nachbarn nach Bayern zu schielen) in Salzburg durch eine „Hauptsache-schön-gedribbelt“-Mentalität ersetzt wurde. Die emotionale Bindung zwischen der Mannschaft und der Stadt bröckelt massiv. Wenn wir nicht aufpassen, spielen wir bald vor noch weniger Zuschauern in einem Stadion, das sich wie eine leere Lagerhalle anfühlt.
Der Sommer der Wahrheit und die Verantwortung der Führung
Wir stehen vor einem Sommer, der über die Zukunft dieses Vereins entscheiden wird. Die Führungsebene muss jetzt handeln. Es reicht nicht mehr, nur auf das nächste Talent aus Mali oder Brasilien zu hoffen. Wir brauchen eine Korrektur der Transferstrategie. Wir brauchen gestandene Spieler, die nicht nur führen können, sondern ihren Job auf dem Platz auch tatsächlich beherrschen. Egal auf welcher Position – ob Innenverteidigung oder Sturmzentrum – wir brauchen Qualität, die sofort funktioniert.
Der Fußball ist schneller geworden, die Konkurrenz in Österreich hat keine Angst mehr vor uns. Wenn wir weiterhin nur „junge Talente“ ohne Führung ins Rennen schicken, wird das Szenario dieser Seuchensaison zum Dauerzustand. Wir müssen weg von der reinen Ausbildungsidee und wieder hin zum Leistungssport, der Titel als Pflicht begreift und nicht als Option.
Zwischen Anspruch und Wirklichkeit: Ein Weckruf
Wenn ich diese Zeilen schreibe, dann nicht aus Gehässigkeit, sondern aus tiefer Sorge. Ich liebe diesen Verein, ich habe die glorreichen Jahre miterlebt, und genau deshalb schmerzt der aktuelle Zustand so sehr. Wir haben alle Werkzeuge in der Hand, um wieder die unangefochtene Nummer eins zu sein. Aber dafür müssen wir uns ehrlich machen. Wir müssen die Fehler im System erkennen und benennen. Das Aus im Cup gegen Altach muss der finale Weckruf sein.
Wir dürfen diese Saison nicht einfach so auslaufen lassen und hoffen, dass im Sommer alles von alleine besser wird. Es braucht jetzt klare Entscheidungen, eine Rückbesinnung auf unsere Stärken und vor allem einen respektvollen Umgang mit den Fans, die dem Verein noch die Treue halten. Denn am Ende des Tages sind wir es, die auch dann noch da sind, wenn die Spieler schon längst bei ihren nächsten Stationen unterschrieben haben. Wir sind der FC Red Bull Salzburg, und es wird Zeit, dass wir uns auch wieder so verhalten.
Das Herz schlägt leiser: Die Nord als Spiegelbild des Niedergangs
Wenn wir nach den Ursachen für die aktuelle Tristesse suchen, müssen wir den Blick nicht nur auf den Rasen, sondern vor allem auf unsere Nordkurve richten. Die Nord war über Jahre hinweg das pochende Herz dieses Stadions, eine Wand aus Energie, die auch in zähen Partien den nötigen Funken auf die Mannschaft überspringen ließ. Doch wer heute dorthin blickt, sieht ein erschreckendes Spiegelbild der allgemeinen Vereinslage: Wo einst dichte Trauben von Fans standen und die Fahnen das Bild dominierten, klaffen heute schmerzhafte Lücken.
Die Fanclubs kämpfen mit schwindenden Mitgliederzahlen, und jene, die noch Woche für Woche erscheinen, wirken oft wie die letzte Garde auf verlorenem Posten. Dieser harte Kern ist zwar unerschütterlich, aber er ist schlichtweg nicht groß genug, um die riesige Schüssel in Wals-Siezenheim emotional zu füllen.
Hier ist jedoch nicht nur die sportliche Misere schuld, sondern auch das Rollenverständnis innerhalb des Vereins. Es reicht nicht aus, die aktive Fanszene als notwendiges Übel zu betrachten, das für die TV-Bilder ein wenig Kulisse liefert. Ein Verein wie der FC Red Bull Salzburg muss begreifen, dass eine lebendige Fankultur kein Selbstläufer ist.
Die Führungsebene muss umdenken: Die Fanszene muss gestreichelt, gehegt und gepflegt werden. Es braucht echte Wertschätzung und einen Dialog auf Augenhöhe, statt administrativer Hürden und kühler Distanz. Wenn man die Basis weiterhin nur verwaltet, statt sie als lebensnotwendiges Organ zu fördern, wird es in der Red Bull Arena bald nicht nur sportlich, sondern auch atmosphärisch stockfinster. Ohne die Leidenschaft der Kurve bleibt von diesem Verein am Ende nur eine sterile Hülle ohne Seele zurück.
Das war nicht immer so. Aber es muss sich am Status Quo dringend etwas ändern.



3 Kommentare
Also man muss schon mal die Kirche im Dorf lassen.
ÖFB Cup Halbfinale gegen Altach interessiert halt wirklich keinen. Gegen Linz hat jeder Salzburg in den Himmel gelobt, 2 Spiele später ist alles wieder schlecht!
Fakt ist, der Fokus muss auf die Nordtribühne gelegt werden! Diese Fans sind da, wenn es mal nicht so läuft(oder auch nicht). Der Rest kommt von alleine wieder, wenns läuft! Mann muss alles versuchen, diesen kleinen Haufen größer zu machen!
Allgemein find ich es Schade, dass bei EL/CL spielen keine Stadion Chores mehr gemacht werden oder zumindest ein auf der Nord. Zudem ist es wirklich peinlich, wenn gegen Altach/Hartberg etc. der Gästeblock voller ist als der Heimblock. Gefühlt in ganz Österreich/Deutschland gibt es Choreos mit Pyro/Rauch etc.. bei uns ist es einfach nur langweilig – was wohl an der Vereinsführung liegt.
@Alex Januschewsky – man könnte ja auch mal einen offenen Brief an Markus Mann bzw. Reiter schicken – ohne Fans ist das beste Fußballspiel langweilig!
Sehr gut beschrieben. Du bringst es auf den Punkt. Ich werde mir in naher Zukunft überlegen ob ich im Frühjahr nochmals ins Stadion komme. Gestern hat mir den Rest gegeben. Die Atmosphäre im Stadion ist nur noch schwer zu ertragen. Die Mannschaft ( Spiel) verursacht nur noch Schmerzen. ( Augenkrebs) . Lg Rupi
Alex du sprichst mir aus der Seele. Ich hoffe das es für den Verein ein Weckruf war. Ich gebe die Hoffnung nicht auf. Forza FC RB Soizburg