WM 2026 in den USA: Boykott, Bauchgefühl und die Salzburger Perspektive

Ich merke, wie mich das Thema seit Tagen nicht loslässt. Fußball ist für mich Leidenschaft, Gemeinschaft, manchmal auch Flucht. Und doch stehe ich – wie viele von euch – vor der Frage, ob man die FIFA Fußball-Weltmeisterschaft 2026 in den Vereinigte Staaten von Amerika guten Gewissens begleiten kann. Oder ob ein Boykott nicht mehr ist als eine wohlfeile Geste.

Auslöser sind nicht nur Umfragen aus Deutschland, in denen sich eine Mehrheit für einen Boykott ausspricht. Es ist das Gesamtbild: die politische Großwetterlage, der Umgang mit Migration, die Rolle staatlicher Sicherheitsbehörden, die gesellschaftliche Polarisierung. Und mittendrin: Fußball. Ein Spiel, das – so sehr ich daran festhalten will – längst Teil politischer Realitäten geworden ist.

Politik, Präsident und ein Land im Dauerstreit

Seit der Rückkehr von Donald Trump ins Weiße Haus ist die politische Debatte in den USA rauer geworden. Das ist keine moralische Bewertung, sondern eine Beobachtung. Die Rhetorik ist schärfer, die Linien verlaufen klarer, der Ton gegenüber Minderheiten härter. Für europäische Fußballfans ist das kein fernes Hintergrundrauschen mehr, sondern relevant – weil man als Gast dieses Landes Teil der Kulisse wird.

Wenn Fans nach Dallas, Los Angeles oder Atlanta reisen, tun sie das nicht in einem luftleeren Raum. Sie treffen auf ein Land, das seine politischen Konflikte offen austrägt. Und ja, da spielt auch die Immigration and Customs Enforcement, kurz ICE, eine Rolle. Berichte über Kontrollen, über Abschiebungen, über Unsicherheit bei Menschen ohne perfekten Status prägen das Bild. Für viele Fans entsteht so ein mulmiges Gefühl. Nicht aus Ideologie, sondern aus dem Wunsch nach Sicherheit und Normalität.

Österreich ist wieder dabei – und plötzlich wird alles kompliziert

Aus österreichischer Sicht kommt eine zusätzliche Ebene dazu. Nach gefühlten Ewigkeiten sind wir wieder für eine WM qualifiziert. Für viele von uns ist das mehr als ein sportliches Ereignis. Es ist ein generationsübergreifender Moment. Fahnen aus dem Keller holen, Termine rot im Kalender markieren, mit Freunden diskutieren, wer im Sturm beginnt.

Und dann stellt sich die Frage: Soll man all das bewusst aussetzen? Ein Boykott träfe nicht anonyme Funktionäre, sondern unsere eigenen Spieler. Profis, die jahrelang auf genau diesen Moment hinarbeiten. Spieler, die wir aus der Bundesliga kennen, die wir im Nachwuchs verfolgt haben. Spieler, die vielleicht auch aus Salzburg stammen oder dort geprägt wurden.

Salzburg mittendrin statt nur dabei

Gerade für uns Salzburger ist das keine theoretische Debatte. Der FC Red Bull Salzburg ist seit Jahren eine der wichtigsten Talentschmieden Europas. Internationale Turniere sind für unsere Spieler Bühne und Schaufenster zugleich. Eine WM kann Karrieren prägen, Transfers auslösen, Lebensläufe verändern.

Wenn Nationalspieler mit Salzburger Vergangenheit betroffen wären, würde ein Boykott plötzlich sehr konkret. Dann reden wir nicht mehr über abstrakte Moral, sondern über Menschen, die wir kennen, deren Entwicklung wir begleitet haben. Kann man von ihnen verlangen, auf den größten Moment ihrer Laufbahn zu verzichten, um ein politisches Zeichen zu setzen, dessen Wirkung ungewiss ist?

Boykott als Zeichen – und seine Grenzen

Historisch betrachtet haben Sportboykotte eine ambivalente Bilanz. Man denke an Olympische Spiele, an symbolische Gesten, an verpasste Chancen. Manchmal haben sie Aufmerksamkeit erzeugt, manchmal sind sie verpufft. Im globalisierten Fußballzirkus von heute stellt sich die Frage noch schärfer: Wen trifft ein Boykott wirklich?

Die FIFA? Kaum. Sponsoren? Kurzfristig vielleicht. Am Ende sind es Spieler und Fans, die verzichten. Und doch wäre es zu einfach, den Boykottgedanken als naiv abzutun. Er entspringt einem Unbehagen, das real ist. Der Wunsch, nicht einfach weiterzumachen, als wäre nichts.

Fansicherheit, ICE und das Gefühl des Fremdseins

Was mir viele Fans schreiben, ist keine politische Parole, sondern eine Sorge. Wie sicher ist es wirklich, als europäischer Fußballfan durch US-Städte zu reisen? Was passiert an Flughäfen, bei Kontrollen, im Alltag? Der Gedanke an ICE ist dabei weniger konkret als symbolisch. Er steht für ein Gefühl von Kontrolle, von Unberechenbarkeit.

Dazu kommt die Frage der Fanbewegungen. Wenn ich mir vorstelle, wie englische Ultras oder Hooligans durch die Straßen von Dallas ziehen, dann sehe ich nicht nur bunte Fankultur. Ich sehe Konfliktpotenzial. Die US-Exekutive ist auf Großevents vorbereitet, keine Frage. Aber Fußball bringt eigene Dynamiken mit, die sich nicht immer in Sicherheitskonzepte pressen lassen.

Fußball als politisches Spielfeld wider Willen

Ich habe immer vertreten, dass Politik im Sport nichts verloren hat. Nicht, weil ich unpolitisch wäre, sondern weil Fußball für mich ein Ort der Begegnung ist. Ein Raum, in dem Unterschiede für 90 Minuten zweitrangig sind. Doch diese Trennung wird zunehmend zur Illusion.

Großereignisse wie eine WM sind immer auch Schaufenster. Gastgeberländer nutzen sie, um sich zu präsentieren. Kritiker nutzen sie, um Missstände sichtbar zu machen. Fans geraten dazwischen. Sie wollen feiern, unterstützen, erleben – und werden gleichzeitig zu Teilnehmenden einer politischen Debatte.

Die besondere Rolle Österreichs

Österreich ist kein globaler Machtfaktor. Gerade deshalb wirkt ein möglicher Boykott paradox. Würde unser Fernbleiben etwas verändern? Oder würden wir uns nur selbst schwächen? Die Nationalmannschaft hat sich sportlich qualifiziert, nicht politisch. Sie repräsentiert ein Land, aber sie ist kein außenpolitisches Instrument.

Und doch tragen Spieler das Wappen auf der Brust. Sie stehen für Werte, bewusst oder unbewusst. Vielleicht liegt genau hier die Zwickmühle: Nicht teilnehmen heißt, ein Zeichen zu setzen. Teilnehmen heißt, gesehen zu werden – und vielleicht ebenfalls ein Zeichen zu setzen, nur auf andere Weise.

Salzburgs Fans zwischen Stolz und Zweifel

In Salzburg spüre ich beides. Stolz auf unsere Spieler, die es auf die große Bühne geschafft haben. Und Zweifel, ob man diese Bühne unkritisch betreten sollte. In Gesprächen am Stadion oder in sozialen Medien höre ich keine einfachen Antworten. Ich höre Abwägungen.

Manche sagen: Gerade dort präsent sein, Flagge zeigen, offen auftreten. Andere sagen: Genau das legitimiert ein System, das sie ablehnen. Dazwischen viele, die schlicht überfordert sind von der Komplexität.

Wirtschaft, Medien und die WM-Maschinerie

Nicht vergessen dürfen wir die wirtschaftliche Dimension. Eine WM in den USA ist ein Milliardenprojekt. Medienrechte, Sponsoren, Infrastruktur. Der Zug rollt längst. Ein Fanboykott aus Europa würde Schlagzeilen machen, aber den Motor kaum stoppen.

Das macht die Entscheidung nicht leichter. Im Gegenteil. Es verstärkt das Gefühl der Ohnmacht. Und vielleicht erklärt das auch die Schärfe mancher Debatten: Wer wenig Einfluss hat, sucht nach starken Gesten.

Was bleibt vom Fußball?

Am Ende lande ich immer wieder bei der gleichen Frage: Was erwarte ich vom Fußball? Rein sportlich ist eine WM ein Höhepunkt. Emotional ist sie verbindend. Politisch ist sie belastet. Vielleicht müssen wir akzeptieren, dass all das gleichzeitig wahr ist.

Für mich als Salzburger Fußballfan gibt es keinen bequemen Ausweg. Ich sehe die Probleme in den USA. Ich verstehe den Boykottgedanken. Und ich weiß, wie viel eine WM für unsere Spieler bedeutet – auch für jene mit Salzburger DNA.

Gedanken ohne einfache Antwort

Vielleicht ist die ehrlichste Position, die Ambivalenz auszuhalten. Nicht alles schönzureden, aber auch nicht reflexartig zu verurteilen. Fragen zu stellen, statt Parolen zu rufen. Den Fußball nicht aus der Welt zu lösen, aber ihm auch nicht jede politische Last aufzubürden.

Ich werde diese WM nicht unbeschwert verfolgen können. Aber ich weiß auch, dass ich hinschauen werde. Kritisch, aufmerksam, mit offenem Blick. Ob das richtig ist, weiß ich nicht. Sicher ist nur: Ganz Wegschauen fühlt sich für mich auch nicht richtig an. Zumal es unsere Spieler sind.

Und jetzt interessiert mich eure Meinung: Sollte Österreich – trotz sportlicher Qualifikation und Salzburger Beteiligung – die WM 2026 in den USA boykottieren, oder ist Präsenz der bessere Weg?

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Alex Januschewsky

Ich bin Herausgeber von S12 und schreibe leidenschaftlich gerne über Fußball. Dabei geht es mir nicht um Schönfärberei, sondern um konstruktive und auch kritische Analysen. Die Mannschaft der Salzburger steht für mich im Mittelpunkt, weil mir ihr Weg und ihre Entwicklung am Herzen liegen.

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