Ein Team auf der Suche nach sich selbst: Wenn Frust, Müdigkeit und Ratlosigkeit zusammenkommen
Ich wollte garantiert nicht schon wieder einen negativen Blog schreiben. Salzburg gibt mir aber fast im Wochenrhythmus eine Steilvorlage. So wie gestern Abend.
Es gibt Niederlagen, die tun weh. Und dann gibt es Niederlagen, die nur noch das sichtbar machen, was unter der Oberfläche schon seit Wochen fault. Genau so fühlt sich das alles gerade beim FC Red Bull Salzburg an. Immer wieder erwische ich mich dabei, wie ich nach Spielen länger im Stadion oder vor dem Bildschirm sitzen bleibe als nötig – nicht, weil mich das Ergebnis schockiert, sondern weil mir der Zustand dieser Mannschaft inzwischen mehr zu denken gibt als jede Zahl auf der Anzeigetafel.
Die jüngsten Auftritte haben etwas ausgelöst, das ich in Salzburg lange nicht gespürt habe: eine Mischung aus Müdigkeit, Resignation und einem kräftigen „Es reicht“. Und damit meine ich nicht nur mich selbst oder Kollegen aus der Nordkurve. Der Tenor in den sozialen Medien ist inzwischen eine eigene Geschichte.
Unter jedem Posting werden die Kommentare schärfer. Die Fans haben nicht nur die Schnauze voll, viele haben längst resigniert. Man merkt richtig, wie die Hoffnung, es würde schon irgendwann wieder „RBS-mäßig“ laufen, Stück für Stück verpufft.
Dabei waren wir alle über die Jahre verwöhnt von einer Identität, die so klar war wie das Salz auf unserer Zunge: Tempo, Mut, Pressing, Stolz. Heute wirkt das so weit weg wie ein verregneter Europacupabend im Jahr 2007. Und das ist vielleicht der härteste Teil an der ganzen Sache: Man erkennt die Mannschaft kaum wieder.
Die Identität bröckelt – und niemand weiß, wo man sie zuletzt gesehen hat
Früher war klar: Wenn Salzburg auf den Platz kommt, wird gelaufen, gepresst, gejagt. Das Spiel hatte Rhythmus, Dynamik und einen Plan, der im Kollektiv funktionierte.
Heute ist die Spielidee wie ein schlechter Radiosender – mal rauscht sie, mal ist sie weg, mal kommt sie mit einer Sekunde Verzögerung zurück. Nur eines passiert kaum: dass sie durchgehend funktioniert.
Ich sehe Spieler, die viel laufen, aber wenig bewirken. Spieler, die im Zweikampf zwar da sind, aber nie wirklich durchdringen. Spieler, die sich freilaufen, ohne dass jemand sie findet. Alles wirkt angedeutet, aber nichts wird zu Ende gedacht.
Die Mannschaft wirkt wie ein Chor, der unterschiedliche Notenblätter in der Hand hält – und jeder versucht, irgendwie mitzusingen.
Eine Defensive, die nicht nur langsam, sondern auch verloren wirkt
Es ist leicht, von einer „langsamen Abwehr“ zu reden. Aber das trifft es bei Salzburg nicht einmal richtig.
Viel problematischer ist: Das gesamte Defensive-Verhalten ist nicht abgestimmt. Es gibt Momente, da schiebt ein Innenverteidiger raus, während der andere noch im letzten Drittel feststeckt. Momente, in denen Außenverteidiger höher stehen als das eigene Mittelfeld. Und wenn der Trainer nicht sieht, dass seine Viererkette jedesmal überrannt wird, dann hat er sie auch taktisch falsch eingestellt.
Und es gibt dann noch Momente, in denen man das Gefühl hat: „Da redet niemand mit niemandem.“
Salzburg lebt traditionell von Kompaktheit. Von enger Staffelung. Von Aggressivität – und zwar kollektiv.
Aktuell fehlt all das. Und ohne stabile Defensive wird jede weitere Schwäche doppelt hart bestraft.

Das Mittelfeld – ein Systemteil, der früher pulsierte und heute schläft
Ich erinnere mich an Zeiten, in denen das zentrale Mittelfeld das Herz dieser Mannschaft war. Heute ist es eher ein Schrittmacher, der seine Batterie verliert.
Man sieht kaum vertikale Läufe. Kaum mutige Ballgewinne. Kaum Druck, kaum Kontrolle.
Stattdessen viel Absicherung, viel Verwaltung, viel „nur ja keinen Fehler machen“.
Aber Salzburg ohne Mut ist wie die Red Bull Arena ohne Stimmung: einfach nicht das, wofür dieser Klub steht.
Der Angriff: Talent ja, Selbstverständlichkeit nein
In der Offensive fehlt es an einem Spieler, der Situationen erzwingt. Einer, der sich den Ball nimmt und sagt: „So, jetzt.“
Natürlich sind die Talente da. Natürlich ist Qualität vorhanden. Aber es fehlt dieser innere Hunger, dieser Killerinstinkt, der Salzburg über Jahre gefährlich gemacht hat.
Oft sieht man gute Ansätze, aber selten klare Durchschlagskraft. Viele Aktionen wirken wie halbfertige Gedanken.
Und wenn man dann auch noch hundert Anläufe braucht, bis mal ein Tor fällt, dann ist es logisch, dass die Unsicherheit wächst.
Ein Hoffnungsschimmer ist die Rückkehr von Karim Konaté. Endlich wieder auf dem Platz. Endlich wieder da. Aber wir alle wissen: Er allein löst die Probleme nicht.
Trainer und Mannschaft – zwei Welten, die sich momentan nicht treffen
Ich will niemanden vorschnell verurteilen, aber wenn der Trainer nach einem Spiel sagt, man spreche Dinge an, arbeite daran und stehe trotzdem wieder mit derselben Story da, dann zeigt das ein strukturelles Problem.
„Die Geschichte wird nicht besser. Wir arbeiten an Sachen, sprechen es an, aber am Schluss stehen wir wieder mit der gleichen Story da“
Thomas Letsch im Sky Interview
Entweder die Spieler folgen nicht den Vorgaben.
Oder die Vorgaben funktionieren nicht.
Beides führt unausweichlich in dieselbe Sackgasse.
Trainer und Mannschaft wirken, als würden sie nebeneinander arbeiten, aber nicht miteinander.
Und wenn man das von außen spürt, dann spüren es die Spieler schon lange.
Die Fans reagieren – und das sollte den Verein alarmieren
Was mich beunruhigt: Die Resignation ist nicht nur im Stadion spürbar, sondern inzwischen fest in den Kommentarspalten verankert.
Die Fans sind nicht nur wütend.
Sie sind müde.
Und müde Fans sind gefährlicher als laute Fans.
Denn Wut zeigt, dass Menschen noch Emotionen haben.
Resignation zeigt, dass sie diese schon verloren haben.
Es ist ein Stimmungsbild, das der Verein nicht länger ignorieren darf.
Wie es jetzt weitergehen muss
Das Grundproblem liegt nicht bei einzelnen Spielern oder einem bestimmten System.
Es liegt in der fehlenden Einheit und einer Spielidee, die nicht greift.
Der Verein muss jetzt entscheiden, welchen Weg er einschlagen will.
Mehr Mut? Mehr Konsequenz? Mehr Veränderung?
Oder die Hoffnung, dass sich alles von selbst reguliert?
Einen gesamten Kader kann man nicht tauschen. Man kann an anderen Schrauben drehen. Im Trainerteam, im Staff. So kann es nicht weitergehen. Da ist man sich auf jeder Tribüne der Arena in Wals-Siezenheim einig.
Ich glaube: Ohne klare Kurskorrektur bleibt Salzburg ein Team, das viel Talent hat, aber wenig Richtung. Und damit kann man weder national beeindrucken noch international bestehen.



Eine Antwort
Finde deine Analysen nach jedem Spiel hervorragend. Du sprichst mir aus der Seele. Muss leider sagen, dass ich nicht nur resignieren, sonder es mir in der Zwischenzeit egal ist. Seit drei Jahren geht es nur bergab. Wollen die Verantwortlichen kein Geld für Verstärkungen ausgeben oder dürfen sie nicht ? lg Rupi