Salzburg verspielt Führung und Glaubwürdigkeit – warum der Rückfall gegen die WSG Tirol mehr ist als ein Ausrutscher

Manchmal gibt es Niederlagen, die man sportlich hinnimmt. Und dann gibt es solche wie das 2:3 gegen die WSG Tirol, die man kaum erklären kann, ohne sich zu ärgern. Für mich war das kein einfaches „schlechtes Spiel“. Das war ein Einbruch, der Salzburg in seiner Substanz trifft. Eine 2:0-Führung, die eigentlich Ruhe bringen müsste, wird hergeschenkt – nicht, weil Tirol plötzlich Weltklasse gespielt hätte, sondern weil Salzburg mit einer Arbeitsleistung von einer halben Stunde „durch“ war.

Und dieser Punkt ist für mich zentral: Die Mannschaft spielte, als wäre ihr Job erledigt. Dabei beginnt er in Wahrheit erst dann richtig, wenn man 2:0 führt. Genau das ist eine Qualitätsfrage – und eine Charakterfrage.

Ein Team, das 30 Minuten denkt und 90 spielen müsste

Ich habe schon länger das Gefühl, dass Salzburg oft nur so lange intensiv spielt, wie alles flüssig funktioniert. Sobald der Gegner physisch wird, Widerstand leistet, Zweikämpfe annimmt oder den Rhythmus bricht, verliert Salzburg komplett den Zugriff. Gegen Tirol sah man das überdeutlich.

In den 25 oder 30 Minuten, in denen Salzburg das Tempo kontrollierte, riss irgendetwas. Die Mannschaft fiel in eine Art Verwaltungsmodus, den sie sich vielleicht intern als „Reife“ verkauft – aber in Wahrheit ist es Bequemlichkeit. Spieler trabten zurück statt zu sprinten, Außenverteidiger schoben nicht mehr durch, das Zentrum ließ zweite Bälle liegen. Und weil das Kollektiv nachließ, wirkten auch die besseren Einzelspieler plötzlich verloren.

Ein 2:0 ist keine Einladung zum Ausruhen. Es ist ein Auftrag, die eigene Dominanz zu festigen. Darin scheitert Salzburg gerade systematisch.

Thomas Letsch – ein Trainer, der die Mannschaft nicht erreicht?

Ich habe Thomas Letsch nicht grundsätzlich infrage gestellt, als er kam. Er wirkt kompetent, ruhig, analytisch. Aber Fußball ist kein Theoriefach. Und je länger diese Phase andauert, desto deutlicher wird für mich: Letsch schafft es nicht, dieser Mannschaft einen Stempel aufzudrücken.

Und die entscheidende Frage lautet: Hat er überhaupt einen?

Bisher sehe ich:

Keine klare Spielidee

Es gibt Momente, die nach Plan aussehen. Kombinationen, die funktionieren. Pressingphasen, die gut abgestimmt wirken. Aber es gibt keinen roten Faden, der durchgehend sichtbar wäre. Salzburg spielt mal 15 Minuten Red-Bull-Tempo, mal 20 Minuten zögerlich, mal 10 Minuten konfus. Das ist Stückwerk.

Keine stabilen Automatismen

Unter starken Salzburg-Trainern sah man, dass die Mannschaft auch bei Gegenwind funktionierte. Heuer fehlt diese Widerstandskraft völlig. Wenn das Pressing einmal überspielt wird, reißt die Ordnung auseinander wie nasses Papier.

Ein Trainer, der kaum Impulse setzt

Das Spiel gegen Tirol kippte nach dem 2:1 sichtbar. Und was kam von der Seitenlinie? Wenig. Viel zu wenig. Kein klares Zeichen, kein taktisches Schließen der Schwachstellen, kein Mut, früh einzugreifen. Letsch schaut zu, analysiert wahrscheinlich viel im Kopf – aber ein Trainer muss handeln, nicht beobachten.

Die Körpersprache des Teams spricht Bände

Wenn eine Mannschaft nur 30 Minuten liefert und danach abtaucht, hat sie entweder ein Mentalitätsproblem – oder sie glaubt nicht daran, dass der Trainer sie durch schwierige Phasen führen kann. Vielleicht ist es eine Mischung aus beiden.

Salzburg verliert nicht nur ein Spiel – sondern das Vertrauen in die eigene Identität

Früher war Salzburg Mannschaften wie Tirol in vielen Dingen überlegen: Tempo, Intensität, Gier, Präsenz. Jetzt sehe ich Gegner, die gegen Salzburg mit breiter Brust auftreten, weil sie spüren, dass die Bullen verwundbar sind. Und das ist in meinen Augen kein Zufall, sondern hausgemacht.

Die Spieler wirken nicht auf den Punkt vorbereitet. Sie wirken nicht so, als würden sie verstehen, was Letsch wirklich von ihnen will. Oder sie glauben schlicht nicht an seine Ideen. Das ist im Profifußball tödlich: Wenn die Mannschaft mental nicht mit dem Trainer verbunden ist, reicht ein Funke – und das ganze Konstrukt brennt lichterloh.

Gegen Tirol sah man genau das: ein Team ohne Feuerlöscher.

Körperlich unterlegen – ein Alarmsignal

Was mich besonders überrascht hat: Salzburg war körperlich schwächer. Tirol ging in die Zweikämpfe mit Überzeugung. Salzburg hielt dagegen wie eine Mannschaft, die sich erkältet hat. Zweite Bälle gingen extrem oft verloren. Und jeder weiß: Wenn du körperlich nicht dagegenhältst, kannst du im modernen Fußball keine Spiele kontrollieren.

Salzburg wirkte besonders in der 2. Halbzeit müde, kraftlos, fahrig. Und man kann nicht jede Woche sagen, es sei „ein schlechter Tag“. Schlechte Tage können passieren – aber nicht in Serie.

Salzburg nach 2:3 gegen die WSG wieder unsanft am Boden der Tatsachen gelandet – und das ausgerechnet vor dem Europa-League-Trip nach Bologna.
Salzburg nach 2:3 gegen die WSG wieder unsanft am Boden der Tatsachen gelandet – und das ausgerechnet vor dem Europa-League-Trip nach Bologna.

Warum dieser Rückfall vor dem Bologna-Spiel besonders weh tut

Bologna wird am Donnerstag ein Gegner, der Salzburg genau dort testen wird, wo es aktuell schwach ist.

Bologna spielt intensiv – Tirol war der Vorgeschmack

Die Italiener sind taktisch sauber, körperlich robust und enorm geduldig. Wenn Salzburg erst 25 Minuten Gas gibt und dann einknickt, wird Bologna das gnadenlos nutzen.

Der mentale Schlag lastet schwer

Nach so einer Niederlage braucht ein Team klare Führung, klare Worte, klare Struktur. Aber genau das sehe ich unter Letsch gerade nicht. Wie soll eine verunsicherte Mannschaft auswärts Europa-League-Niveau abrufen?

Der Druck wächst

Salzburg hat nicht die Toleranz für Fehltritte wie früher. Fans, Medien, Spieler – alle spüren, dass dieser Kader eigentlich mehr könnte. Jeder zusätzliche Rückschlag nährt die Frage, ob der Weg mit Letsch der richtige ist.

Die Außendarstellung ist wackelig

Ein Team, das zu Hause Tirol nicht schlagen kann, wird in Italien nicht als ernstzunehmender Gegner wahrgenommen. Und im Europacup ist Wahrnehmung mehr wert, als viele glauben.

Was sich jetzt unbedingt ändern muss

Ich sehe drei Ebenen, auf denen Salzburg sofort reagieren muss:

Die Mannschaft

Das Team muss zurück zu einer Arbeitsmentalität, die Salzburg über Jahre definiert hat. Intensität, Bereitschaft, Aggressivität – all das war gegen Tirol kaum vorhanden. Das ist kein taktisches Problem. Das ist Charakter.

Der Trainer

Letsch muss die Mannschaft erreichen – sofort. Er braucht nun Entscheidungen, die Mut zeigen: personell, taktisch, kommunikativ. Wenn er weiter moderiert statt führt, rutscht ihm die Saison weg.

So was tut natürlich richtig weh, vor allem weil wir bei allem Respekt vor der WSG für diese Niederlage selbst verantwortlich sind. Wir führen 2:0, haben das Spiel gut im Griff und sogar noch gute Torchancen, waren aber nicht scharf genug, die Partie zu entscheiden. Dementsprechend sitzen wir heute mit einer Riesenenttäuschung und aus unserer Sicht unnötigen Niederlage da. Diese Situation einer Niederlage hatten wir länger nicht mehr. Natürlich ist es ein Dämpfer, aber das gehört dazu, und da dürfen wir auch enttäuscht sein. Wir werden jetzt aber sicher nicht den Fehler machen, alles in die Tonne zu treten.

Thomas Letsch

Meine Meinung zu dieser Aussage des Trainers nach dem Spiel: Thomas Letsch sagt, man dürfe jetzt „nicht alles in die Tonne treten“. Und natürlich hat er recht, dass eine Niederlage nicht die ganze Saison zerstört. Aber was mich an dieser Aussage stört, ist der Blickwinkel. Es geht nicht darum, alles wegzuwerfen – es geht darum, endlich etwas anzupacken.

Wir verlieren dieses Spiel nicht wegen Pech oder wegen eines übermächtigen Gegners. Wir verlieren es, weil die Mannschaft nach 30 Minuten „Arbeit“ aufgehört hat, Fußball zu arbeiten. Und weil es Letsch erneut nicht gelungen ist, die Mannschaft in einer kritischen Phase zu stabilisieren.

Wenn man ständig betont, dass eine Niederlage „normal“ sei, dann übersieht man den Kern: Salzburg hat kein Ergebnisproblem – Salzburg hat ein Einstellungsproblem. Und dieses Problem verschwindet nicht, wenn man es rhetorisch weichzeichnet.

Es geht nicht darum, alles in die Tonne zu treten.
Es geht darum, endlich die Ärmel hochzukrempeln.

Das Umfeld

Salzburg darf jetzt nicht in Schönfärberei verfallen. Es braucht klare Analyse, klare Konsequenzen und klare Ziele. Das Schönreden hat schon in anderen Jahren Probleme kaschiert. Das funktioniert diesmal nicht.

Mein persönliches Gefühl nach diesem Spiel

Ich bin Fan dieses Vereins, und ich schreibe als Fan. Und manchmal tut es weh, Dinge beim Namen zu nennen. Aber: Salzburg steht an einem Punkt, an dem man sich ehrlich machen muss. Die Mannschaft wirkt nicht stabil. Der Trainer wirkt nicht durchsetzungsfähig. Die Intensität ist nicht auf dem Niveau, das diese Liga und der Europacup verlangen.

Noch ist nichts verloren. Auch weil die anderen „Player“ um die Meisterschaft – Rapid und Sturm Graz – auch schwächeln. Noch kann die Mannschaft reagieren. Und vielleicht ist Bologna genau der Gegner, gegen den Salzburg die Zähne wieder zeigen muss. Aber dafür braucht es 90 Minuten Leidenschaft – nicht nur 30 Minuten Komfortzone.

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Alex Januschewsky

Ich bin Herausgeber von S12 und schreibe leidenschaftlich gerne über Fußball. Dabei geht es mir nicht um Schönfärberei, sondern um konstruktive und auch kritische Analysen. Die Mannschaft der Salzburger steht für mich im Mittelpunkt, weil mir ihr Weg und ihre Entwicklung am Herzen liegen.

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