Der Untergang einer Festung: Wenn Frust den Stolz besiegt

Es gibt Momente, in denen sich der Weg zum Parkplatz nach einem Spiel wie ein Trauermarsch anfühlt. Normalerweise ist die Red Bull Arena ein Ort der Freude, ein Ort, an dem wir als Familie zusammenkommen, um unsere Farben siegen zu sehen. Diesen Freitag war alles anders. Ich stand dort auf der Tribüne, meine Familie an meiner Seite, und ich habe jede einzelne Sekunde dieses Debakels gegen den LASK miterlebt. Ich gehöre nicht zu denen, die das Stadion vorzeitig verlassen, ganz egal wie sehr es schmerzt. Wir sind bis zum bitteren Ende geblieben, wir haben das Pfeifkonzert nach dem Schlusspfiff über uns ergehen lassen und wir haben in die Gesichter der Spieler geblickt, die wie Fremdkörper auf ihrem eigenen Rasen wirkten. Es war eine Niederlage, die sich tief in die Seele brennt, weil sie so unendlich billig war. Wir haben nicht gegen eine Übermannschaft verloren, wir haben uns selbst geschlagen, und das in einer Phase, in der wir uns keinen einzigen Fehler mehr erlauben durften.

Die Ruhe vor dem Sturm und die Ohnmacht danach

Die Vorfreude auf dieses Heimspiel nach der Länderspielpause war riesig. Wir haben unsere Schals bereitgelegt, wir haben auf der Parkplatzparty über die Chancen diskutiert, wie wir Sturm Graz endlich wieder einholen können. Der Spielplan hatte es so gut mit uns gemeint. Wir durften am Freitagabend vorlegen. Es war die perfekte Bühne, um ein Zeichen zu setzen, um den Grazern eine schlaflose Nacht vor ihrem eigenen Spiel am Sonntag zu bereiten. Ein Sieg hätte bedeutet, dass wir den psychologischen Vorteil zurückgewinnen. Wir wären zwar nicht direkt Tabellenerster geworden, aber wir wären in Schlagweite gewesen. Wir hätten den Atem im Nacken der Konkurrenz spürbar gemacht. Es war alles angerichtet für einen Abend, der die Wende in dieser schwierigen Saison hätte einleiten können.

Doch was wir dann auf dem Platz sahen, war das exakte Gegenteil von Aufbruchstimmung. Von der ersten Minute an fehlte die Spannung, fehlte dieser unbändige Wille, den Gegner niederzuringen. Der LASK agierte clever, keine Frage, aber wir haben es ihnen auch erschreckend leicht gemacht. Wenn ich von einer billigen Niederlage spreche, dann meine ich genau diese Unachtsamkeiten, die uns jetzt schon seit Monaten verfolgen. Wir haben den Ballbesitz, wir spielen uns den Ball in der eigenen Hälfte hin und her, aber es fehlt die Tiefe, es fehlt der Biss im letzten Drittel. Und dann kommen diese Konter, diese Momente, in denen unsere Defensive wie ein Kartenhaus in sich zusammenbricht. Dass der entscheidende Treffer der Linzer dann auch noch in der absoluten Schlussphase fällt, setzt dem Ganzen die Krone auf. Wir standen da, fassungslos, und mussten mitansehen, wie drei sicher geglaubte Punkte aus unseren Händen glitten.

Der psychologische Vorteil den wir im Klo hinuntergespült haben

Das Schlimmste an diesem Freitagabend war die Gewissheit, dass wir die Steilvorlage der Konkurrenz nicht nutzen konnten, noch bevor sie überhaupt gespielt hatten. Am Sonntag saß ich dann zu Hause vor dem Fernseher und musste mitansehen, wie Sturm Graz tatsächlich Punkte liegen ließ. Auch das Wiener Derby endete mit einer Punkteteilung. Es ist fast schon makaber. Hätten wir unsere Hausaufgaben am Freitag gemacht, wären wir jetzt mittendrin statt nur dabei. Wir hätten den Rückstand auf ein Minimum verkürzt und die Meisterschaft wäre wieder völlig offen gewesen. Stattdessen haben wir uns durch eigene Unfähigkeit aus dem Rennen genommen. Die Meisterschaft ist nun in so weite Ferne gerückt, dass man kein Realist sein muss, um zu sagen: Das war es wohl.

Es ist diese Kombination aus eigenem Versagen und dem Pech, dass die Ergebnisse der anderen eigentlich für uns gespielt hätten, die den Frust so gigantisch macht. Wir haben eine Chance liegen gelassen, die so schnell nicht wiederkommen wird. In der Kurve, aber auch auf der Ost- und Westtribüne, war die Enttäuschung mit Händen zu greifen. Die Pfiffe beim Abgang der Mannschaft waren kein Ausdruck von Hass, sondern ein Ausdruck von tiefster Verzweiflung. Die Fans fühlen sich machtlos. Wir investieren unsere Emotionen, unsere Zeit und unser Geld, und wir bekommen eine Leistung serviert, die jegliche Leidenschaft vermissen lässt. Es war ein Abend zum Vergessen, der aber hoffentlich als Weckruf für alles dient, was jetzt kommen muss.

Die Schmerzen der dritten titellosen Saison

Wir müssen der Wahrheit ins Auge blicken. Wir steuern geradewegs auf die dritte Saison in Folge zu, in der wir am Ende mit leeren Händen dastehen werden. Für einen Verein wie den FC Red Bull Salzburg, der über ein Jahrzehnt lang alles in Grund und Boden gespielt hat, ist das nicht nur eine Delle in der Erfolgskurve. Es ist eine handfeste Identitätskrise. Wir haben den Anspruch, die Nummer eins in Österreich zu sein, und wir haben die Ressourcen, um diesen Anspruch auch zu untermauern. Wenn man dann aber drei Jahre lang keinen Titel holt, dann stimmt etwas im Fundament nicht mehr. Wir haben uns zu sehr darauf verlassen, dass unser System von alleine läuft, dass die Talente, die wir holen, die Lücken derer schließen, die wir für viel Geld verkaufen.

Doch Fußball ist mehr als nur eine Transferbilanz. Fußball ist Mentalität, Führung und Kontinuität auf den entscheidenden Positionen. In der aktuellen Mannschaft sehe ich zu viele Spieler, die Salzburg nur als Durchgangsstation sehen. Das war früher auch so, aber damals gab es eine Achse aus erfahrenen Profis, die den jungen Wilden gezeigt haben, was es bedeutet, für diesen Verein zu gewinnen. Diese Achse ist weggebrochen. Wir haben keine Spieler mehr, die in der 85. Minute beim Stand von 2:2 die Ärmel hochkrempeln und das gesamte Team mitreißen. Wir haben talentierte Fußballer, aber wir haben keine Siegertypen mehr. Das ist das eigentliche Problem, das uns in diese Seuchensaison geführt hat.

Marcus Mann und der notwendige Rundumschlag

Jetzt schlagen alle Augen auf Marcus Mann. Unser Sportdirektor hat im kommenden Sommer eine Aufgabe vor sich, die ich nicht um seinen Job beneiden möchte. Es reicht nicht mehr aus, an ein paar Stellschrauben zu drehen. Wir brauchen keinen Frühjahrsputz, wir brauchen einen kompletten Abriss. Marcus Mann muss den Mut haben, einen radikalen Rundumschlag zu vollziehen. Jeder einzelne Spieler im Kader muss hinterfragt werden. Passt er zur Philosophie des Vereins? Hat er den Hunger, den wir in Salzburg brauchen? Oder ist er nur hier, um sich für die nächste große Liga ins Schaufenster zu stellen?

Wir brauchen wieder eine klare Linie in der Kaderplanung. Es müssen Charaktere verpflichtet werden, die Führung übernehmen können. Wir brauchen keine weiteren Talente, die erst zwei Jahre brauchen, um in der Bundesliga anzukommen. Wir brauchen fertige Spieler, die wissen, wie man Titel gewinnt. Der Kader ist in seiner jetzigen Form unausgewogen und mental labil. Das hat das Spiel gegen den LASK schonungslos offengelegt. Wenn Marcus Mann jetzt nicht hart durchgreift, dann riskieren wir, dass die Konkurrenz uns dauerhaft den Rang abläuft. Sturm Graz hat uns gezeigt, wie man mit Konstanz und einem klaren Plan Erfolg hat. Wir müssen diesen Plan wiederfinden, und zwar schnell.

Wenn Talent allein nicht mehr ausreicht

Es ist eine bittere Lektion, die wir gerade lernen müssen: Talent gewinnt Spiele, aber Mentalität gewinnt Meisterschaften. Wir haben wahrscheinlich immer noch den individuell stärksten Kader der Liga, aber wir sind keine Mannschaft. Eine Mannschaft zeichnet sich dadurch aus, dass sie in schwierigen Phasen zusammenhält, dass sie sich gegen Widerstände wehrt und dass sie eine Einheit bildet. Nichts davon war am Freitagabend zu spüren. Wir haben zugesehen, wie der LASK uns den Schneid abkaufte. Wir haben uns von der physischen Gangart der Linzer beeindrucken lassen und sind in alte Muster verfallen.

Dass die Fans nach dem Spiel so reagiert haben, ist die logische Konsequenz. Die Nordkurve ist das Herz unseres Vereins, und wenn dieses Herz vor Schmerz schreit, dann sollte jeder im Verein ganz genau hinhören. Es ist nicht mehr nur „Feuer am Dach“, wie man so schön sagt. Das Haus brennt bereits lichterloh. Wir können uns nicht mehr hinter Ausreden verstecken. Die Länderspielpause hätte genutzt werden müssen, um die Sinne zu schärfen. Stattdessen wirkte die Mannschaft so, als wäre sie gedanklich noch im Urlaub oder schon bei ihren Nationalteams. Das ist eine Frage der Einstellung, und für die Einstellung ist jeder einzelne Spieler selbst verantwortlich. Wer nicht bereit ist, für Salzburg alles zu geben, der hat in diesem Trikot nichts verloren.

Lichterloh – Warum wir ein neues Fundament brauchen

Wir stehen am Scheideweg. Entweder wir schaffen es, im Sommer einen echten Neuanfang zu starten, oder wir müssen uns daran gewöhnen, dass wir nur noch einer von vielen Vereinen in der Spitze der Bundesliga sind. Der FC Red Bull Salzburg hat sich durch seine Dominanz eine Sonderstellung erarbeitet, aber diese Sonderstellung ist kein Naturgesetz. Sie muss jeden Tag aufs Neue verdient werden. Der Abend gegen den LASK war ein trauriger Beweis dafür, dass wir diesen Respekt der Gegner verloren haben. Früher sind die Mannschaften in die Red Bull Arena gekommen und hatten schon vor dem Anpfiff die Hosen voll. Heute kommen sie her und wissen, dass sie hier etwas mitnehmen können, wenn sie nur hart genug arbeiten.

Wir müssen diese Festung wieder aufbauen. Aber das geht nur, wenn wir uns ehrlich machen. Wir müssen die Fehler der Vergangenheit analysieren und daraus lernen. Wir brauchen einen Trainer, der eine klare Vision hat und diese auch kompromisslos umsetzt. Wir brauchen einen Sportdirektor, der die Eier hat, unpopuläre Entscheidungen zu treffen. Und wir brauchen eine Mannschaft, mit der sich die Fans wieder identifizieren können. Wenn meine Kinder mich nach dem Spiel fragen, warum wir verloren haben, dann möchte ich ihnen nicht sagen müssen, dass es an mangelndem Einsatz lag. Ich möchte ihnen sagen können, dass wir alles versucht haben, aber der Gegner an diesem Tag einfach besser war. Gegen den LASK war das nicht der Fall. Wir waren einfach nur schlechter vorbereitet und mental unterlegen.

Ein Sommer der harten Entscheidungen steht bevor

Ich werde auch beim nächsten Heimspiel wieder mit meiner Familie im Stadion stehen. Das ist es, was uns Fans ausmacht. Wir gehen nicht vor Schlusspfiff, wir lassen unsere Mannschaft nicht im Stich, egal wie groß der Frust ist. Aber unser Vertrauen ist ein kostbares Gut, und dieses Gut wurde am Freitagabend massiv strapaziert. Marcus Mann und die gesamte Vereinsführung müssen jetzt liefern. Wir wollen Taten sehen, keine leeren Worthülsen in Pressekonferenzen. Die Zeit der Analyse ist vorbei, jetzt ist die Zeit des Handelns.

Wir brauchen einen Sommer, der als Zäsur in die Vereinsgeschichte eingeht. Einen Sommer, in dem wir uns von den Altlasten befreien und eine neue Ära einleiten. Das Ziel muss klar sein: Wir wollen den Teller zurück nach Salzburg holen. Aber das wird kein Selbstläufer. Es wird harte Arbeit erfordern, es wird Schweiß erfordern und es wird vielleicht auch Tränen erfordern. Aber wenn wir diesen Weg gemeinsam gehen, wenn der Verein wieder zu seinen Wurzeln zurückkehrt und die Fans wieder mit Stolz in die Arena kommen können, dann hat dieser schwarze Freitag gegen den LASK vielleicht doch etwas Gutes gehabt. Er war der Moment, in dem wir alle begriffen haben, dass es so nicht mehr weitergehen kann. Das Haus brennt – fangen wir endlich an zu löschen!

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Alex Januschewsky

Ich bin Herausgeber von S12 und schreibe leidenschaftlich gerne über Fußball. Dabei geht es mir nicht um Schönfärberei, sondern um konstruktive und auch kritische Analysen. Die Mannschaft der Salzburger steht für mich im Mittelpunkt, weil mir ihr Weg und ihre Entwicklung am Herzen liegen.

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