Ich habe lange überlegt, warum mich diese Niederlage gegen die Wiener Austria so beschäftigt. Nicht wütend, nicht einmal wirklich enttäuscht im klassischen Sinn. Eher nachdenklich. Weil sie Fragen aufwirft, die weit über dieses eine Spiel hinausgehen. Fragen, die nicht mit einem schlechten Abschluss, einem verlorenen Zweikampf oder einem unglücklichen Gegentor zu erklären sind. Es geht um Vorbereitung. Um Haltung. Um Klarheit. Und um die Fähigkeit, einen Plan nicht nur zu haben, sondern ihn auch zu korrigieren, wenn er nicht funktioniert.
Gerade in Salzburg ist das ein sensibles Thema. Dieser Klub steht seit Jahren für Struktur, für Prozesse, für eine klare Idee von Fußball. Umso auffälliger war, wie wenig davon an diesem Abend greifbar war.
Vorbereitung beginnt nicht am Spieltag
Wenn wir über Vorbereitung sprechen, meinen viele automatisch die letzten Trainingseinheiten. Die taktische Ausrichtung. Standardsituationen. Videoanalysen. All das gehört dazu, keine Frage. Aber echte Vorbereitung beginnt früher. Sie beginnt in der Haltung, mit der eine Mannschaft in eine Woche geht. In der Selbstverständlichkeit, mit der sie ein Bundesliga-Spiel annimmt.
Und genau da liegt für mich der erste Knackpunkt. Nach Siegen gegen FC Basel, einer ordentlichen Halbzeit gegen Aston Villa und dem Cup-Erfolg gegen den Wolfsberger AC schlich sich etwas ein, das in Salzburg immer gefährlich ist: das Gefühl, dass es „eh läuft“. Dass man die Dinge im Griff hat. Dass der eigene Fußball reicht.
Die Bundesliga verzeiht solche Denkweisen nicht mehr. Schon gar nicht gegen Gegner wie die Austria Wien, die genau von solchen Momenten leben. Vorbereitung heißt auch, den Gegner ernst zu nehmen, selbst wenn die Vergangenheit eine andere Geschichte erzählt.
Wille ist keine Emotion, sondern eine Entscheidung
Oft wird nach solchen Spielen der Wille hinterfragt. „Zu wenig Biss“, „nicht giftig genug“, „nicht gallig genug“. Das sind Begriffe, die schnell fallen. Aber Wille ist kein Gefühl, das zufällig entsteht. Wille ist eine bewusste Entscheidung. Er zeigt sich nicht in großen Gesten, sondern in Details.
Im Anlaufen. Im Nachsetzen. Im zweiten Sprint, wenn der erste ins Leere ging. In der Bereitschaft, auch dann diszipliniert zu bleiben, wenn es mühsam wird. Genau diese Form von Wille habe ich vermisst. Nicht permanent, aber in entscheidenden Phasen.
Salzburg wirkte oft so, als würde man darauf warten, dass das Spiel irgendwann von selbst kippt. Dass sich durch Ballbesitz und Überlegenheit automatisch Räume ergeben. Doch Wille bedeutet auch, ungeduldig zu sein. Den Moment zu erzwingen, statt ihn abzuwarten.
Ein klarer Plan ist mehr als eine Grundordnung
Natürlich hatte Salzburg einen Plan. Jede Mannschaft hat einen. Aber ein klarer Matchplan zeichnet sich nicht durch Pfeile auf einer Taktiktafel aus, sondern durch Wiedererkennbarkeit. Durch Muster. Durch Abläufe, die auch unter Druck funktionieren.
An diesem Abend fehlte genau das. Es gab keine klare Antwort auf die tief stehende Austria. Keine Mechanismen, um Überzahl in den richtigen Zonen zu schaffen. Kein erkennbares Ziel, wie man den Gegner aus seiner Ordnung ziehen wollte.
Ein guter Plan gibt Spielern Sicherheit. Er nimmt ihnen Entscheidungen ab. Er sorgt dafür, dass sie nicht überlegen müssen, sondern handeln können. Wenn Spieler auf dem Feld anfangen, nach Lösungen zu suchen, ist das oft ein Zeichen dafür, dass der Plan nicht klar genug ist.
Kontrolle ohne Konsequenz ist trügerisch
Salzburg hatte Kontrolle. Viel Ballbesitz. Viel Raum. Aber Kontrolle ist nur dann wertvoll, wenn sie in Konsequenz mündet. Sonst wird sie zur Beruhigungspille. Für die Mannschaft. Für die Trainerbank. Für das Publikum.
Gerade junge Teams neigen dazu, Kontrolle mit Dominanz zu verwechseln. Doch Dominanz entsteht nicht durch Ballzirkulation allein. Sie entsteht durch das Gefühl beim Gegner, dass jederzeit etwas passieren kann. Dieses Gefühl war kaum vorhanden.
Das ist kein individuelles Versagen. Das ist ein strukturelles Thema. Wenn Abläufe nicht greifen, wenn Automatismen fehlen, dann wird Kontrolle schnell zum Selbstzweck.
Der Mut zur Korrektur
Vielleicht der wichtigste Punkt überhaupt. Kein Matchplan ist perfekt. Kein Trainer liegt immer richtig. Der Unterschied zwischen guten und sehr guten Mannschaften liegt in der Fähigkeit, Dinge während des Spiels zu korrigieren.
Und genau hier wurde es kritisch. Es gab kaum sichtbare Anpassungen. Keine klaren Veränderungen in der Staffelung. Keine neuen Impulse, die dem Spiel eine andere Richtung geben sollten. Es wirkte, als würde man darauf hoffen, dass sich die Dinge irgendwann fügen.
Korrektur bedeutet nicht immer einen Wechsel. Manchmal reicht eine kleine Anpassung. Ein anderer Fokus im Pressing. Eine veränderte Positionierung im Zentrum. Ein bewusstes Risiko. All das war kaum zu erkennen.
Verantwortung endet nicht an der Seitenlinie
Die Frage nach Verantwortung ist unangenehm, aber sie muss gestellt werden. Wer trägt sie, wenn eine Mannschaft nicht bereit wirkt? Wenn der Wille fehlt? Wenn der Plan nicht greift?
Natürlich liegt ein großer Teil der Verantwortung beim Trainerteam. Vorbereitung, Matchplan, Ingame-Coaching – all das fällt in diesen Bereich. Aber Verantwortung ist kein Monopol. Auch die Mannschaft selbst trägt sie. Führungsspieler. Spieler, die auf dem Platz Dinge einfordern müssen.
Gerade in Phasen, in denen ein Plan nicht funktioniert, braucht es Persönlichkeiten, die Ordnung schaffen. Die Dinge klar ansprechen. Die Verantwortung übernehmen. Diese Rollen waren an diesem Abend nur schwer auszumachen.
Anspruch als tägliche Verpflichtung
Der FC Red Bull Salzburg hat einen hohen Anspruch. Er wird intern formuliert und extern wahrgenommen. Dieser Anspruch ist kein Marketing-Slogan. Er ist eine Verpflichtung. Jeden Tag. In jedem Training. In jedem Spiel.
Vorbereitung, Wille und Klarheit sind keine Bonuspunkte. Sie sind die Basis. Wenn sie fehlen, hilft auch Talent wenig. Gerade in der Bundesliga, wo Gegner genau wissen, wie sie Salzburg wehtun können.
Entwicklung braucht Reibung
Vielleicht ist diese Niederlage genau das: Reibung. Ein unangenehmer Moment, der Dinge offenlegt. Entwicklung verläuft nicht linear. Sie braucht Rückschläge. Aber sie braucht auch die Bereitschaft, daraus zu lernen.
Die entscheidende Frage ist nicht, warum dieses Spiel verloren wurde. Die entscheidende Frage ist, welche Schlüsse daraus gezogen werden. In der Vorbereitung. In der Ansprache. In der Klarheit der Pläne.
Mein Blick nach vorne
Ich glaube nicht an grundsätzliche Probleme. Ich glaube an fehlende Schärfe in einem entscheidenden Moment. Und an die Notwendigkeit, diese Schärfe wieder bewusst herzustellen. Salzburg hat die Qualität, die Strukturen und die Möglichkeiten dazu.
Aber all das muss gelebt werden. Woche für Woche. Minute für Minute. Sonst bleibt Kontrolle ohne Konsequenz. Und Vorbereitung ohne Wirkung.


